Ausschnitte aus dem Buch Nick Marvel und der Kampf mit der Bestie: Kapitel 6 "Schulübungen"

 

Mark Elias Johnes:
Nick Marvel und der Kampf mit der Bestie 

Kapitel 6

 

"Schulübungen"

 

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Nick Marvel“ rannte. Diesmal allerdings nicht um sein Leben … Wenn ihm auch Frau Vristheniou mehrmals erklärt hatte, dass er in Gefahr sei, wenn er, was zum Glück nicht oft geschah, am Morgen zu spät zur Meldung kommen sollte.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Er sah auf seine Uhr.

 

Es war vierzehn nach acht.

 

In einer Minute würde das scharfe unsympathische Geheul der Schulsirene die Stille des Wintermorgens zerreißen.

 

Noch eine Minute.

 

Nikolaos beschleunigte den Schritt. Die Entfernung war nicht groß. Das Gebäude des 8. Lyzeums tauchte schon in der Straßenbiegung auf.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Im selben Moment ging die Sirene los und zerhackte den Frieden der stillen Umgebung.

 

Noch 50 Meter bis zum breiten Gittertor.

 

Er rannte stürmisch zusammen mit einem ganzen Schwarm von Jungen und Mädchen, die sich offensichtlich ebenfalls auf der Straße aufgehalten hatten oder am Morgen zu spät aufgestanden waren.

 

Der Apparat militärischer Organisation hatte auch auf die Schulen übergegriffen, so wie jedes autoritäre Modell sozialer „Reform“ oder „Sozialen Wandels“ dafür sorgt, dass seine Prinzipien von früh an und vor allem der schulischen Gemeinschaft aufgezwungen werden.

 

Der Große Wächter sorgte dafür, dass, die Jugend mit „bleibenden Werten“ erzogen wurde, wie er verkündete, und die Disziplin war eine von diesen, dachte „Nick“.

 

Die absolute Disziplin!

 

Er dachte an den kleinen Antonis — er dachte jeden Tag zu dieser Stunde an ihn —, der letztes Jahr, als er versuchte, es gerade noch zu schaffen, von

dem automatisch mit der Sirene sich schließenden Gittertor erfasst wurde und mit vielfältigen Rippenbrüchen ins Krankenhaus hatte gebracht werden

müssen.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Nikolaos dachte an seinen Vater, wie er von den Schul- und Studienjahren in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erzählte, als die Schülerschaft in den Ausstand trat, zusammen mit den Lehrern, die auch selbst auf diese Weise ihre Arbeits- und Gewerkschaftsforderungen artikulierten.

 

Natürlich waren solche Vorbilder heute undenkbar, seit die letzte solcher Veranstaltungen, es war vor fünf Jahren, aufgelöst worden war, damals, als Larry Rotten und seine Wächter im Rahmen der „Bildungsreform“ des „Neuen Zeitalters“ die Studenten-Bewegung in den USA in Blut ertränkte, was in der „Untergrund-Bewegung“ als „Die Große Schlacht von Chicago“ bekannt war.

 

Nach der eiskalten Ermordung einer großen Zahl von Schülern und Studenten, sowie Eltern und Lehrern, waren die Initiatoren der Bewegung verhaftet und „ neu programmiert“ worden, erinnerte sich Nikolaos, und heute waren sie „brauchbare Faktoren“ des New-Age-Wandels.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Nick Marvel“ passierte wie der Blitz das große Gittertor, zusammen mit einem Grüppchen von Schülern, und holte tief Luft, als er es in den Schulhof geschafft hatte, während draußen auf der Straße, hinter dem inzwischen geschlossenen Hoftor, eine Gruppe Kleiner Wächter in ihren perfekt sitzenden Uniformen und Sturmhauben die Verspäteten zu dem geschlossenen Lastwagen führten, um sie zur Polizeistation zu bringen.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Die erste Stunde war: „Einführung ins Recht und staatliche Institutionen“. Es war das Fach, das sie alle langweilte, um nicht zu sagen, „anekelte“, da sie es täglich hatten und es nichts zu tun hatte mit einer wenigstens akademischen Aufzählung relevanten Wissens, nein, es war eine unverschämte und unverblümte Propaganda für das „New Age“, seine Praktiken, seine Methoden und seine Menschen, die es aufzuzwingen versuchten.

 

Die erste Stunde hatten sie also „Recht“, wie sie es alle der Kürze halber nannten. „Recht“, das Fach von Frau Vristheniou.

 

Nikolaos nahm die Stufen doppelt, raste wie der Wind um die Ecke und stürmte mit den letzten herein, bevor sich auch die Tür des Unterrichtsaales

endgültig schloss.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Vor ihm lag jetzt die große Aula der Schule.

 

Dieser halbkreisförmige Raum mit zweitausend Plätzen, der mindestens noch weitere fünfhundert Schüler aufnehmen konnte, wenn auch die vorderen Hilfsreihen besetzt wurden, diese Aula mit ihren amphitheatralisch angelegten Sitzen und den leicht klappbaren Sitzflächen, war der ganze Stolz des Schuldirektors.

 

Vom obersten Gang aus, an dem die Eingänge lagen, hätte „Nick Marvel“ diese Meisterleistung der Architektur bewundern können, wenn er den Kopf nicht voll vom Gebet und diversen kindlichen Ängsten gehabt hätte.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Das Amphitheater erstreckte sich stufenweise nach unten, in Gruppen von 7 Plätzen in jeder Sitzreihe, die durch schmale Treppen von einem Meter Breite unterbrochen wurden.

 

Es gab 11 solcher Sitzgruppen auf jeder Ebene, auf jedem Halbkreis des Amphitheaters, also 12 Treppen bei insgesamt 29 Zonen, von denen die letzten 19 fast senkrecht waren, steil genug, um den Sitzenden gute Sicht und ungehinderte Akustik zu gewährleisten.

 

Nikolaos hatte die umlaufenden Gerüchte im Sinn. Gerüchte, die von denen verbreitet wurden, die das Fach Zahlenlogik besuchten, das eins der Wahlfächer war, nämlich dass diese Zahlen des Amphitheaters sich nicht aus den architektonischen Notwendigkeiten der Konstruktion ergäben, sondern gezielt ausgewählte Zahlen seien, die „besondere Bedeutung“ für diejenigen hätten, die sich mit der „Magischen Kunst des Gebrauchs der Zahlen“ beschäftigten, die oft auch Zahlenweisheit genannt wurde.

 

Die „Informationen“ sagten, dass es sich bei den Zahlen 7, 11, 12, 19 und 29 um Zahlen handelte, die nach den „Studierenden der Zahlenlogik“ „mit besonderen Eigenschaften aufgeladen waren“.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Wirklich, wie leichtgläubig und abergläubisch kann man werden, wenn man sich vom wahren Glauben und dem wirklichen Gott entfernt?

 

Nick“ begann die Stufen hinabzusteigen, um an die Stelle zu kommen, wo seine Klasse versammelt war, und zwar in den mittleren Sitzreihen der 11., 12. und 13. Ebene. Er wählte einen äußeren Platz am Rand der 13. Zone, als letzter von gut sechzig jungen Leuten von 17 Jahren.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

In einer Entfernung von ungefähr fünfzehn Metern, unten auf dem Boden des Amphitheaters, hob Frau Vristheniou auf der niedrigen runden Bühne die Hände, um Ruhe zu gebieten und räusperte sich, um ihre Kehle zu reinigen.

 

Wir beginnen“, sagte sie, „wie immer, mit zehn Minuten Entspannung vor dem Unterricht.“

 

Tzeni, meine Gute, könntest du bitte «die Übung leiten»?“

 

Tzeni Omphalidou, der „Liebling“ von Frau Vristheniou taumelte schwankend die 20 Stufen herab und stieg auf die niedrige Bühne neben die Lehrerin.

 

Tzeni Omphalidou war nicht nur die Lieblingsschülerin von Frau Vristheniou, sondern auch des Direktors und eigentlich der gesamten Lehrerschaft der Oberstufe, und dies aus einem wichtigen Grund: Ihr Vater Radamanthus Omphalidis war der Vizepräsident von H.B.H., Hallis Bros. Hellas, dem griechischen Unternehmenssektor einer der beiden größten Vergnügungsgesellschaften der Welt — von einigen aus der „Untergrundbewegung“ spöttisch „Miseren-Brüder“ genannt.6

 

Tzeni war ein junges und recht schönes Mädchen, groß, schlank, in der Frische ihrer 17 Jahre, aber oberflächlich und ohne Interessen, außer für Mode und Kleidung, den „look“ und das ganze Getue. Von klein auf neben einer Mutter, die ihre ganze Aufmerksamkeit darauf richtete, was sie anziehen, wie sie sich schminken und wie sie mit ihrer äußeren Erscheinung Eindruck machen könnte, hatte Tzeni keine Chance für andere Vorbilder.

 

Nikos dachte an ihre erste und letzte Unterhaltung zu Beginn des neuen Schuljahres in der 2. Oberstufenklasse, als Tzeni — von der 13. Schule von Ag.Paraskevi an seine Oberschule übergewechselt — noch neu in der Klasse war. Offenbar hatte sie ihre Umgebung beeindrucken wollen, als sie mit einem Gehabe, das mindestens einer Ava Gardner entsprochen hätte — „Nick“ hatte so einiges über diese Schauspielerin aus der Epoche seiner Eltern gehört — auf ihn zukam und fragte:

 

Du bist aber goldig, was für ein Sternzeichen bist du denn?“

 

Nikolaos Vervelidis war von dieser Frage höchst irritiert. Er war bekümmert, aber nicht, weil er diese Frage nicht beantworten konnte, sowieso war er nicht auf den Mund gefallen. Sondern weil er ein junges Mädchen sah, das Gott mit so vielen Gaben großzügig ausgestattet hatte und das davon einen

so schlechten Gebrauch machte; das, im wahrsten Sinne des Wortes, sich selbst ruinierte.

 

Weißt du, was Sternzeichen sind, Eugenia?“ hatte er zu ihr gesagt. „Auf Griechisch heißt es Zodiak. Und das bedeutet Tierkreis. Mir würde es nicht gefallen, als Tier angesehen zu werden…! Ich glaube, dir auch nicht, Eugenia. Wenn du wüsstest, was das ist, woran du da glaubst…, was das ist, womit du dich abgibst.“

 

Tzeni schaute ihn an. Das war eine andere Sprache, der sie bisher noch nicht begegnet war …, die ihr auch ein bisschen bang machte.

 

Es gibt leider Menschen“, fuhr er fort, „die an die Sternzeichen so fest glauben, dass sie ihren Beruf, ihre Beziehungen, ihre Freundschaften und Verbindungen nach der Astrologie ausrichten. Das ist Götzendienst, auch wenn diese Unglücklichen das nicht verstehen. Anstatt dass diese Menschen ihr Leben der unbegrenzten Liebe Gottes anvertrauen, machen sie sich von unpersönlichen Mächten abhängig, wie z.B. den Tierkreiszeichen. Bestimmt möchtest du nicht wie sie enden.“

 

Sie sah ihn sprachlos an, ohne ihn zu unterbrechen.

 

Dann stürzten, um sie zu „retten“, Pat und Trixi herbei, die mit ihr dieselben Nichtigkeiten teilten; die drei waren schon vom ersten Tag an unzertrennliche „Kletten“ geworden.

 

Komm, lass uns gehen“, Pat zog an ihr, „der ist für sowas nicht zu haben.“ Sie streckte ihm demonstrativ die Zunge heraus.

 

Nikolaos blickte ihnen nachdenklich hinterher… junge Mädchen, Siebzehnjährige. Die kommenden Ehefrauen und Mütter … Mit wie viel Verstand würden sie in einigen Jahren in diese neue Lebensphase eintreten…?

 

Er empfand Trauer. Er war traurig um eine Gesellschaft, die Tag für Tag abgewertet wurde. Eine versklavte, gefangene Gesellschaft, die sich hin und her zwischen „Kühlschrank und Fernsehen“ bewegte, wie es ein bekannter Bischof der Kirche Ende des letzten Jahrhunderts treffend gesagt hatte, damals, als die Kirche von Griechenland noch nicht offiziell „unter Verfolgung“ stand.

 

Zwischen Kühlschrank, Fernseher und … Handy“, Nikos dachte daran, wie oft sein Vater das scherzend sagte.

 

Natürlich bekam er wegen seiner Haltung einige Wochen lang den Spott von Pat und Trixi zu spüren, die entschlossen waren, ihre Freundin und ihre Überzeugungen zu unterstützen und es nötig fanden, ihm „das Leben schwer zu machen“, indem sie ihm „süße Augen“ machten, um ihn herumstrichen mit „ach“ und „oh“, ihm „bedeutungsvolle“ Blicke zuwarfen und alle Modediktate, was Kleidung und Schminke betraf, zum Einsatz brachten.

 

Nikolaos aber, der als Kind eine lange Vergangenheit besaß, wo er in der Schule psychisch niedergedrückt wurde, sowohl wegen seiner etwas molligen Erscheinung als auch, weil er in einer warmen und liebevollen familiären Umgebung aufwuchs, hatte gelernt, dass Rache nicht in Frage kam und dass man die gehässigen „Kinderscherze“, die leider an den Schulen so oft vorkommen, nicht vergelten soll. Er war daher heutzutage genügend gewappnet, dem verdrehten Verhalten der beiden hirnlosen Mädchen mit Gelassenheit, Verständnis und Liebe zu begegnen.

 

Seine Geduld bei dem Spott der Mitschüler und seine Nachsicht, gepaart mit vorbehaltlosem Beistand, wo immer es nötig war — sogar noch bei seinen „Feinden“, die er selbst allerdings nie als solche ansah — waren auch der Grund dafür, dass er einen Spitznamen bekam, „Nick Marvel“, der ihm schon seit der Grundschule anhing und ihm in seinem ganzen Schulleben folgte.

 

Was freilich Tzeni betraf, beeindruckte ihn die Tatsache, dass sie, obwohl auch sie eine „Klette“ war, sich niemals an den Auftritten ihrer beiden Freundinnen beteiligte.

 

Aber, dachte „Nick“, diese ganze Geschichte gehörte sowieso der Vergangenheit an.

 

Frau Vristheniou sorgte jetzt dafür, dass Tzeni sich auf das violette Kissen inmitten der runden Bühne setzte.

 

Das Mädchen saß mit überkreuzten Beinen in der „Lotusstellung“, der bei den New-Age-Gläubigen so beliebten klassischen Meditations-Haltung der Hinduisten und Buddhisten. Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen und auf den Boden gestellt, da bekanntermaßen die Gläubigen aller Religionen aus dem

Mittleren und Fernen Osten barfuß beten. Diese Gewohnheit nahmen auch die New-Age-Anhänger an, weil sie glaubten, dass sie damit gleichsam einen besseren Kontakt mit dem „erdmagnetischen Fluss“ haben, der frei durch ihren Körper geht.

 

Mit geschlossenen Augen, die Hände links und rechts locker aufgelegt, zeigte sich Tzeni jetzt in ihre Welt eingetaucht. Ihre Handflächen waren nach oben gerichtet, durch die drei ersten zusammengefügten Finger richten sich angeblich die „Ströme, kosmische und körperliche, zu einer analogen Harmonie“.

 

Frau Vristheniou begann mit leiser Stimme die übrige Klasse, die auf den Rängen saß, zu führen.

 

Legt die Handflächen auf die Knie. Den Rücken gerade, die Wirbelsäule bildet eine gerade Linie.

Wie im alten Ägypten …“

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Nikolaos setzte seine eigene innere Arbeit fort mit dem Jesusgebet.

 

Holt tief Atem. Die ganze Luft langsam ausatmen, in vier Takten…“. Die Lehrerin setzte ihre Arbeit fort.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Wieder, tiefe Einatmung. Wieder ..., Ausatmung genauso. Die Augen geschlossen. An nichts denken …“

 

Das Nebeneinander ging weiter. Ein „geheimer Krieg“. Zwei unterschiedliche Welten, zwei gegensätzliche und unvereinbare Glaubensrichtungen trafen aufeinander. Der ewige Kampf zwischen Licht und Dunkel. Der ewige Kampf zwischen der Wahrheit, die Person ist, und der personifizierten Lüge, dem „Herrscher dieser Welt“.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Nikolaos machte beharrlich weiter …

 

Der Körper entspannt sich … Es gibt keinerlei Anspannung …“

 

Ach, Frau Vristheniou, wenn Sie wüssten …

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Jetzt, alle zusammen, artikulieren wir leise den Urton … Zuerst Tzeni … Nach dem dritten Mal alle zusammen.“

 

Der Mund des Mädchens rundete sich. Sanft kam der Ton und vibrierte in der Luft.

 

OM… OM… OM…“

 

OMMM… OMMM… OMMM…“

 

OMMM… OMMM… OMMM…“

 

Der Laut ließ den inneren Raum des Schädels vibrieren, als die 60 Jugendlichen sich zu harmonisieren bemühten und das „Mahamantra“, das „Große Mantra“ des hinduistischen Kultes artikulierten.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Nikolaos Vervelidis kämpfte allein…

 

Nikolaos Vervelidis kämpfte allein gegen 62 Menschen…

 

Nikolaos Vervelidis kämpfte für seinen Glauben, sein Vaterland, seine Familie. Drei derart missverstandene, zerstörte, ins Abseits beförderte Werte, seit mindestens einem halben Jahrhundert.

 

Nikolaos Vervelidis kämpfte für die Wahrheit.

 

Für die Wahrheit, die Person ist, die Christus ist, Jesus Christus von Nazareth, der gekreuzigte und auferstandene Christus. Nicht der Christus des Fischezeitalters, nicht der Christus einer astrologischen Periode, nicht einer unter vielen, sondern der einzige Retter der Menschheit, Dieser Christus, Der gestern und heute und in alle Ewigkeiten ist.

 

Nikolaos Vervelidis kämpfte nicht allein…

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Das OM begann plötzlich schwächer zu werden; ein verworrenes, Murmeln von zusammenhanglosen Lauten. Die Klasse hatte ihren Rhythmus verloren…

 

Darauf hörte man fast gar nichts mehr. War das wahr? War es nur der Eindruck von Nikos?

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Es waren nicht einmal zwei Minuten seit Beginn der „Übung“ vergangen, als Tzeni Omphalidou abrupt aufstand — was weder normal, noch üblich war „in einer Schule, die ihr Selbst achtete“ , wie der Direktor zu sagen pflegte.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Ich habe entsetzliche Kopfschmerzen“, klagte das Mädchen. „Ich kann nicht mehr. Ich weiß nicht einmal, ob ich dem Unterricht werde folgen können.“

 

Frau Vristheniou half Tzeni von der Bühne herab und stützte sie, bis sie ihre Schuhe anhatte.

 

Inzwischen herrschte auf den Plätzen Ausgelassenheit.

 

Lachen, Munterkeit, Späße.

 

Die „Mediationsübung“ war auf und davon.

 

Das Gebet Christi hatte die Praktiken von Belial wieder einmal in die Flucht geschlagen.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Macht Pause“, ordnete Frau Vristheniou an und brachte „ihr liebes Kind“ zum Sanitätsraum der Schule.

 

Die Tochter von Radamanthos Omphalidis war mehr wert als viele verlorene Schulstunden, womöglich mehr als gesamte Schulklassen…

 

Der weitere Schultag verlief monoton und belanglos, und die Sirene, die das Ende des Unterrichts ankündigte, war eine Erleichterung für viele, Schüler wie Lehrer.

 

Mit dem Rucksack über der Schulter strebte Nikolaos Vervelidis zum Ausgang.

 

Ob Alexandra es wohl geschafft hatte, etwas zu kochen? Zum Glück hatte die große Schwester dieses Jahr die Schule beendet und konnte ihre ganze Fürsorge den Bedürfnissen der kleinen Familie widmen.

 

»Nick Marvel»! Komm. Ich hab dir etwas zu sagen…!“

 

Nikolaos blieb stehen. Er befand sich vor der halboffenen Tür des Krankenzimmers, ein paar Schritte vor den breiten Treppen, die zum Schulhof führten.

 

»Nick Marvel»! Ich bitte dich. Ich will dir etwas sagen…!“

 

Die flüsternde Mädchenstimme war wieder hinter der halboffenen Tür zu hören.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Nikos Vervelidis warf einen schnellen Blick um sich. Niemand … Also stieß er resolut die Tür auf und ging schnell hinein.

 

Das Sanitätszimmer war ein großer und heller Raum mit großen, breiten Fenstern, einem Untersuchungsbett an der einen Wand und zwei Sesseln an der anderen Wand neben der Tür. Es gab ein fahrbares Tischchen mit einigen einfachen ärztlichen Instrumenten und dem Notwendigen für die Erste Hilfe. Schwester Timothea war nicht da. In dem einen Sessel hinter der Tür war Tzeni ausgebreitet.

 

Was ist? Was willst du von mir?“ fragte Nikolaos brüsk.

 

Ich weiß nicht, warum ich das tu“, flüsterte das Mädchen.

 

Wovon redest du? Was weißt du nicht, was du tust?“ Seine Haltung war angespannt und aggressiv.

 

Ich weiß nicht, warum ich das tu“, wiederholte das Mädchen, „nach den Angriffen damals...“

 

Nikos Vervelidis sagte nichts. Er wartete ab, um zu sehen, welch neuerliche Dummheit Tzeni von sich geben würde.

 

Sie haben die Deinigen festgenommen. Vor zwei Tagen… Nicht wahr?“

 

Er wandte sich ihr zu und sah sie voll Ärger an.

 

Und woher willst du das wissen? Ach ja, ich vergaß… Die Tochter von Radamanthos Omphalidis weiß alles“, fügte er beißend hinzu. „Sie hat ja Zugang zu den hohen Rängen der Regierung.“

 

Sie sah ihn ruhig an. Sie zeigte sich nicht betroffen von seinem Dolchstoß. Zum ersten Mal sah Nikolaos sie dermaßen ernst. Er bereute sein Auftreten.

 

Es ist, wie du sagst“, antwortete das Mädchen. „Mein Vater hatte gestern Abend einen kleinen Empfang. Es war auch jemand vom Kriegsministerium da. Ich hörte, dass sie über deine Eltern sprachen. Sie sagten, dass sie sie töten werden. Und noch anderes sagten sie. Dass sie euch alle sechs Kinder festnehmen werden … in zwei Tagen. Am Dienstagabend, wenn ihr auf dem Silvesterfest seid. Damit es keinen Anlass für Kommentare gibt. Sie werden sagen, ihr seid weggefahren. Ihr müsst es rechtzeitig schaffen. Ihr müsst weg von hier. Ich weiß nicht, warum ich das tu …“

 

Nikolaos Vervelidis sah sie immerzu an.

 

Er hatte nicht mehr die „bekannte alberne Gans“ vor sich. An deren Stelle war ein ernsthafter und respektabler Mensch getreten, der vor seinen Augen einen unerwarteten Schatz an Gaben, Idealen und Werten aufdeckte.

Ein Mensch, auf den man zählen konnte. Ein Mensch, dem man vertrauen konnte. Er war ganz sicher, dass Tzeni aufrichtig war. Etwas in seinem Inneren versicherte ihm, dass das stimmte.

 

Herr Jesus Christus, hab Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Verzeih mir, Eugenia“, flüsterte der Junge. „Verzeih mir, wie ich mich zu dir benommen habe. Ich danke dir!“

 

Und schnell, bevor sie sehen konnte, dass Tränen in seine Augen gestiegen waren, drehte er sich um wie ein Wirbelwind und verschwand die Tür fest hinter sich schloss.

 

6 Unübersetzbares griechisches Wortspiel (A.d.Ü.)

 


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