Altvater
Joseph der Hesychast

Wie die göttliche Gnade erlangt wird
 

(Brief 13) [1]
 
Ich habe deinen Brief erhalten, mein Kind, und gebe dir hier Antwort auf alles, was du mir schreibst.

Du fragst, wer die Gnade schneller empfängt, der Hesychast oder der Mönch, der in Unterordnung lebt. Unzweifelhaft der gehorsame Jünger, der nicht nur in kurzer Zeit Gnade empfängt, sondern auch stets in Sicherheit ist. Er braucht weder den Sturz zu fürchten, noch dass er verlorengeht. Nur eines ist nötig, dass er nicht in Nachlässigkeit sinkt. Wenn Christus im Menschen Wohnung nimmt, lebt dieser überall in der Hesychia, ob er nun allein sei oder mit vielen zusammen, und überall findet er Frieden.

Die Gnade Gottes hängt nicht von Altersjahren ab, sondern von der Lebensweise und vom Erbarmen Gottes. Erfahrung erlangt man durch die Praxis im Lauf der Jahre. Doch die Gnade wird eben deshalb als Gnade bezeichnet, weil sie ein Geschenk ist, [2] das abhängt von Gott und gewährt wird je nach der Intensität des Glaubens, der Demut und der guten Neigung. Salomo empfing die Gnade mit 12 Jahren, Daniel im gleichen Alter, David als Hirtenknabe, während er die Schafe seines Vaters hütete.    

Sobald der Mensch aufrichtig seine Sünden bereut, naht sich ihm die Gnade, und indem er sich eifrig bemüht, nimmt sie zu. Die Erfahrung aber erlangt einer erst nach langjähriger Askese.

Vor allem anderen aber muß derjenige, der vom Herrn Gnade erbittet, mit Geduld die Prüfungen und Bedrängnisse ertragen, auf welche Art sie auch kommen mögen. Wird er zur Zeit der Prüfung ärgerlich und zeigt nicht genügend Geduld, wird auch die Gnade nicht in genügendem Masse kommen, noch auch wird er die Tugend zur Vollendung bringen, noch auch eines Charismas gewürdigt werden.

Wer erkannt hat, welches die Gaben Gottes sind, nämlich dass es die Bedrängnisse sind und allgemein alles, was uns die Prüfungen bringen, der hat in Wahrheit den Weg des Herrn gefunden. Und er wartet darauf, dass sie kommen, denn durch sie wird er geläutert. Indem er sie geduldig erträgt, wird er erleuchtet und schaut Gott.

Gott wird nicht anders geschaut als durch geistiges Wissen. Dieses Wissen ist die Gottesschau.[3] Wenn du mithin erkennst, dass Gott dir nahe ist, dass du dich in Gott bewegst, dass Er alles sieht, was du tust, und sorgfältig darauf achtest, Ihn nicht zu betrüben – denn sowohl innen als auch außen sieht Er alles -, dann wirst du nicht sündigen. Du siehst Ihn, du liebst Ihn und du bemühst dich, Ihn nicht zu betrüben, „denn zu deiner Rechten ist Er“ (Ps 15,8)

Jeder mithin, der sündigt, sieht Gott nicht, sondern er ist blind.
 
Quelle: www.prodromos-verlag.de

[1] Aus dem Buch Γέροντος Ιωσήφ, Έκφρασης Μοναχικής Εμπειρίας, einer Sammlung von Briefen des heiligen Altvaters Joseph des Hesychasten (1898-1959, siehe Das Synaxarion am 15. August und Heilige Altväter der Gegenwart, Chania 2007),  hrsg. vom Hl. Kloster Philothéou, Hl. Berg Athos 1979, 5. Ausgabe 1996 (engl. Monastic Wisdom, The Letters of Elder Joseph the Hesychast, hrsg. St. Anthony’s Greek Orthodox Monastery, Florence Arizona 1998). Dt. Übers. des vorliegenden Textes vom Kloster des Hl. Johannes des Vorläufers, Chania 2012.
[2] Χάρις, das griechische Wort für „Gnade“, und χάρισμα, „Gnadengabe“, leiten sich ab von χαρίζoμαι , schenken.
[3] Gr. θεωρία.


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