Tradition und Geschichte des orthodoxen Mönchtums


Wer ist ein Mensch, der das wahre Leben begehrt/ der seine Tage in Gott erfüllt sehen  will

Seit den Anfängen der Christenheit gab es immer wieder Einzelne, die von der Liebe Gottes erfüllt waren und ihr Leben in vollkommener Hingabe Gott, dem Heiligen und Ewigen weihten. Das Urbild dieses Mönchtums ist der Evangelist Johannes, der Apostel der Weisheit und der mystischen Gottesliebe, wie sein Evangelium, seine Briefe und die geheime Offenbarung in der heiligen Schrift bezeugen. Diese Menschen verzichten auf Besitz, Ehe, weltlichen Ruhm und weltliche Freuden, um das höchste Gut, die höchste Schönheit, die himmlischen Wonnen zu erringen, um würdige Nachfolger Christi, wahre Liebhaber Gottes zu werden.

Eine der ersten historisch greifbaren Mönchsgestalten ist der heilige Antonios der Große (250-356 n.Chr.). Er folgte als junger Mann der Aufforderung des Evangeliums, verließ seine nicht unwesentlichen Reichtümer und zog zu einem Altvater, einem Eremiten, wie sie zu jener Zeit etliche in der Wüste zwischen dem Nil und dem roten Meer lebten. Später, in reifen Jahren, wurde er einer der berühmtesten Altväter Ägyptens; außerhalb der mönchischen Kreise wurde er durch seine Lebensgeschichte bekannt, die der damalige orthodoxe Bischof von Alexandrien, Athanasios, schrieb.

Ungefähr zur selben Zeit wirkte auch der heilige Pachomios (290-346 n.Chr.); er war ein Asket, als ihm ein Engel erschien, ihm das Gewand der Mönche zeigte und sprach : "In diesem Gewand wird jeder errettet". Sofort verließ er die Armee und schloss sich einem Altvater an, dem er viele Jahre liebevoll in Geduld und Demut diente und der ihn den Weg der Heiligung lehrte. Später gründete Pachomios eines der ersten großen, befestigten Klöster und schrieb die erste historisch überlieferte Mönchsregel.
Viele großherzige junge Männer, die ein Ziel suchten, folgten diesen und ähnlichen Beispielen, so dass binnen Kurzem die Wüsten Ägyptens und Palästinas von Tausenden von Mönchen und unzähligen Klöstern erfüllt waren.

Als im 4. Jahrhundert die Verfolgung der Kirche beendet und das Christentum langsam zur Staatsreligion wurde, war das Mönchtum bereits eine gewaltige Bewegung geworden. Und als die Kirche durch ihre unvorstellbar wachsende Macht in Gefahr geriet, selbst zu verweltlichen, war es vor Allem das Mönchtum, das den Geist des Ursprungs und den mystischen Weg der Wandlung bewahrte, den Christus seine Jünger gelehrt hatte.
Mit großer Begeisterung berichtet zwei Generationen später der heilige Kirchenvater Basileios der Große (329-378 n.Chr.) in seinen Schriften über das Mönchtum seiner Zeit. Er bezeugt, dass in der Mönchsgemeinschaft Menschen verschiedenster Herkunft oder Bildung in vollkommener heiliger Liebe miteinander verbunden sind, und rühmt die Einmütigkeit, die wahre Freiheit und Herzensverbundenheit, die er in den Klöstern beobachtete. Basileios lebte selbst mit Freunden in einer klösterlichen Gemeinschaft, ehe er Bischof wurde; er kannte aus eigener Erfahrung die Gemeinschaften Syriens und Ägyptens. Später schrieb er seine berühmte Mönchsregel, die bis heute die Grundlage des orthodoxen Mönchtums geblieben ist.

Im 5. Jh. lebte der heilige Dionysios; er erhielt bei der Mönchsweihe den Namen des athenischen Ratsherrn, der ein Schüler des Apostels Paulus war. Seine Schrift "Die mystische Theologie" ist ein Basistext der orthodoxen Spiritualität. Darin sind tiefste und allgemeingültigste Einsichten kurz, klar und deutlich ausgedrückt, die jegliche äußerliche oder ideologische Vorstellung von christlicher Religion ad absurdum führen und auf diese Weise wirkliche Gotteserkenntnis überhaupt erst erschließen. Sie sind eindeutig aus seiner eigenen mystischen Erfahrung erwachsen, die er auf höchstem intellektuellen und philosophischem Niveau reflektiert hat. Recht verstanden, halbverstanden oder auch unverstanden haben diese Schriften nun schon durch anderthalb Jahrtausende hindurch innerhalb und außerhalb der christlichen Welt Generationen von Gelehrten fasziniert, geärgert und inspiriert.
    
Im 9. Jh. lebte Symeon der neue Theologe. Mit 15 Jahren lernte er während seines Studiums in Konstantinopel seinen geistlichen Vater kennen, Symeon den Älteren. Durch diesen in der Praxis des geistigen Betens unterwiesen erfuhr er schon als Jugendlicher die wunderbare Einwirkung der göttlichen Gnade. Er trat in das Kloster seines geistlichen Vaters ein, gemeinsam hatten sie manche Kämpfe zu bestehen. Später wirkte Symeon als Abt im Mammaskloster am Bosporus. Er war ein begnadeter Altvater und hinterließ Hymnen voller mystischer Tiefe und praktische Unterweisungen.

Im 10. Jh. bewegte Athanasios, der Gründer der großen Lawra auf dem Heiligen Berge, den oströmischen Kaiser Nikephoros, Geld und Soldaten zum Bau seines Klosters zu schicken. Er richtete dann dort das erste Gemeinschaftskloster ein.

Zur gleichen Zeit lebte in einer Einöde des Rilagebirges der heilige Johannes mit seinen Schülern; er wurde der Stammvater des bulgarischen Mönchtums.
Durch eine spektakuläre Flucht am Vorabend seiner Hochzeit entzog sich Ende des 12. Jahrhunderts der serbische Kronprinz den dynastischen Plänen seines königlichen Vaters. Als die Soldaten seines Vaters ihn auf dem heiligen Berg Athos fanden, war er bereits unter dem Namen Sabbas Mönch geworden. Er gründete auf dem Heiligen Berg das serbische Kloster Chilandar; der König dankte später ab, wurde Mönch und geistlicher Schüler seines leiblichen Sohnes.

Im 13. Jh. trat Gregor Sinaites als sehr junger Mann im Katharinenkloster auf dem Berge Sinai in den Mönchsstand ein; von dort erhielt er seinen Beinamen. Als gereifter Mönch gründete er später auf Athos ein eigenes Kloster, welches bis heute seinen Namen trägt; schließlich wirkte er in Bulgarien als Altvater.

Beide, Gregor Sinaites und Symeon der neue Theologe sind überragende charismatische Gestalten, die auch Widerspruch hervorriefen und in ihrem Leben heftigen Widerständen und Kämpfen ausgesetzt waren. Als echte Träger des Geistes Gottes sprengten sie viele übliche Vorstellungen und konfrontierten die Menschen mit der lebendigen Kraft und Liebe Gottes. Beide wirkten in hohem Maße der Verideologisierung und Verinstitutionalisierung der Kirche entgegen. Sie lehrten ausschließlich in ihren Klöstern im Kreise ihrer Schüler, mit denen sie das alltägliche Leben teilten, hatten aber gleichwohl einen erheblichen bleibenden Einfluss auf die Geisteskultur der orthodoxen Christenheit. Teile ihrer Werke sind in die Philokalie, eine Schriftensammlung zur Einführung in die hesychastische Praxis, eingegangen.

Ebenfalls von großer Bedeutung ist Gregor Palamas. Er war in allen weltlichen und geistlichen Wissenschaften hochgebildet, als er im 14. Jh auf Athos Mönch wurde. Wegen seiner besonderen Fähigkeiten wurde er später zum Erzbischof von Saloniki gewählt. Dort reflektiert und verteidigt er in den geistigen Auseinandersetzungen mit dem Humanismus und der westlichen Scholastik die mystische Praxis des orthodoxen Mönchtums philosophisch und theologisch. So ist es nicht zuletzt ihm zu verdanken, dass im Bereich der Orthodoxie Mystik und Theologie nicht zum Gegensatz wurden und dem orthodoxen Mönchtum sein autonomer, prophetischer und charismatischer Charakter bewahrt wurde. In dem Zusammenhang formulierte er die Lehre von den göttlichen Energien, deren Übereinstimmung mit der urkirchlichen Überlieferung auf den Konzilien von 1351 und 1352 in Konstantinopel bestätigt wurde.

Im 18. Jh. brachte Paissios Velijkowski die athonitische Altvätertradition nach Rumänien und Rußland und regte so die Erneuerung des russischen Mönchtums an.

Von dem russischen Heiligen Serafim von Sarov, der bis 1833 lebte, wird berichtet, dass er durch die Tiefe seiner Gottesliebe mit wilden Tieren sprechen und anderen Menschen das göttliche Licht mitteilen konnte.

In der jüngeren Zeit wirkte auf Athos Josef der Hesychast als großer Altvater, dessen Schüler heute als geistige Väter und Äbte auf Athos und in der ganzen Welt wirken.
Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen.

Diese und andere berühmte Mönchsvätergestalten sind nur die geschichtlich greifbaren Glanzpunkte einer unendlich weiteren geistigen Bruderschaft. Die meisten wirken im Stillen, hinterlassen weder Schriften noch äußere Lehren; oft verweigern sie sogar, dass ihr Name bekannt wird. Unter ihnen sind begnadete Künstler, Architekten, Gartenbauer, Musiker, hochintelligente wie einfache Menschen, die auf Karriere, Reichtum und Ehre verzichten um des höchsten Gutes willen. In der bezaubernden Schönheit mancher Klosteranlagen und in der geistigen Kultur hinterlassen sie ihre Spuren, ohne selbst nach außen in Erscheinung zu treten.

Wenn auch nicht jeder, der den Mönchsmantel trägt und ein kirchliches Amt bekleidet, ein wirklicher Träger des Geistes ist, so kann man doch in Klöstern wie in kleinen Mönchsgehöften mitunter Heiligen begegnen. Unter einer unscheinbaren, vielleicht naiv oder lässig wirkenden Hülle verbirgt sich oft ein hochkarätiges Gold außerordentlicher  menschlicher Qualität und spiritueller Tiefe.


Die Wenigen, die den Weg in seiner eigentlichen Weite und Tiefe leben, sind es, auf deren Schultern, oder besser gesagt in deren Gebet die Welt ruht.

Wenn heute in der Orthodoxie das Mysterium der Urkirche immer wieder spürbar "zu Hause" ist, verdankt sie das nicht zuletzt ihrem urtümlichen Mönchtum und den großen Gestalten, die es immer wieder hervorgebracht hat.

Anders als im Westen beschäftigten sich die orthodoxen Klöster in der Regel nicht mit Kolonisation, Krankenpflege, Predigt und anderen nach außen gerichteten Tätigkeiten. Im kulturell hochstehenden byzantinischen Osten waren diese Bereiche durch kirchliche Laienorganisationen oder staatliche Institutionen abgedeckt. Auch das westliche Ordenswesen blieb dem orthodoxen Mönchtum fremd.  Weniger Macht und Größe der klösterlichen Institutionen als vielmehr das Leben und Wirken ihrer Mönche legt Zeugnis von der Schönheit und der ungebrochenen geistigen Kraft dieser Tradition ab. Die Klöster waren und blieben Zentren gelebter Mystik und konnten das Mysterium und die Autonomie des Mönchtums durch die Zeiten hindurch erhalten. Wenn sie auch gelegentlich bedeutende kulturelle Arbeit leisteten, so blieben sie doch immer zuerst Übungsstätten der Heiligung. Bis heute wirken sie dort, wo der Geist lebt, auf diese sehr spezifische mittelbare Weise auf Kirche und Gesellschaft ein.

Eines der wichtigsten Zentren des orthodoxen Mönchtums ist ohne Frage der Heilige Berg Athos, wo auch der Gründer des Dreifaltigkeitsklosters die alte Tradition erlernte und die höchsten Mönchsweihen empfing. Dort findet man bis heute die verschiedenen monastischen Lebensformen nebeneinander : Einsiedler, die in den Bergen in versteckten Waldhütten und Höhlen hausen, die Kellienmönche, die zu zweit oder dritt unter Leitung eines Altvaters auf größeren Gehöften oder kleineren Klöstern leben, bis hin zu den Großklöstern, in denen oft 20 bis 100, in seltensten Fällen auch mehr Mönche leben. Eine spätere Sonderform, die sich während der türkischen Fremdherrschaft entwickelt hatte, die Idiorhythmie, bei der in den Mauern eines Großklosters Mönche mit Privatbesitz und ohne Abt lebten, ist allerdings in den letzten Jahren wieder abgeschafft worden.

Das Kloster ist eine Grenzstation zwischen Himmel und Erde, eine Festung Gottes in dieser irdischen Welt. Die Mönchsgemeinschaft erhält und verteidigt den Grenzpass, der von der Zeit zur Ewigkeit, von der Erden zum Himmel führt. Dementsprechend heftig sind oft die Angriffe, welche die Mächte des Bösen gegen diese Festung führen. Doch in Allem führt Gott seine Heiligen und bewahrt sie im Schutz der himmlischen Mächte und durch den unerschütterlichen Beistand Seiner allheiligen Mutter Maria.


Der mystische Weg

Wer wird den Berg des Herrn ersteigen /
Wer wird auf Seiner heiligen Höhe verweilen ? +

Das Mönchtum ist in vielerlei Hinsicht die Fortsetzung des alttestamentlichen Prophetentums. Es ist der uralte, klassische Weg der praktischen Mystik. Das Mönchtum ist nicht von dieser Welt, und die Welt tut sich gelegentlich schwer damit. Und doch ist es in dieser Welt und für sie ein Zeichen, das sie wesentlich über sich hinausweist.

Wer die Welt hinter sich gelassen hat, ist fähig, die Welt zu tragen. Wer an der eigenen Heiligung arbeitet, arbeitet an der geistigen Heilung und Heiligung der Welt. Nur, wer selbst heilig wird, bringt auch anderen Heil. Nur, wer selbst die Kraft Gottes empfängt, kann sie weitergeben. Für den, der den Weg geht, ist es der vollkommene Weg des Heils.

Wo Heiligung in der tatsächlichen Lebenswirklichkeit geschieht, da ist der Weg. Er birgt Mühe und Freude. Die Mühe ist Askese, die Freude ist geschenkte Gnade.

Der mystische Weg vereint die Gegensätze; Gehorsam und Willenskraft, Weisheit und Kindlichkeit, Einfachheit und Tiefe, Demut und Würde, Eifer und Gelassenheit, Einsamkeit und Gemeinschaft, Männlichkeit und Weiblichkeit, Bindung und Freiheit . . .


Wahrlich / es wandelt der Mensch in trügendem Schein /
Von Nichtigkeit geschüttelt sammelt er Schätze /
und weiß doch nicht für wen +

Die "normale" Welt ist durch die Trennung von Gott gefallen, in einem existentiellen Sinne. Mancher kennt das Empfinden, dass dieses normale Leben nicht des Eigentliche sein kann. Während ein junger Mensch noch die Fälschungen des Lebens sehr heftig empfindet, gehen die meisten doch bald dazu über, zu verdrängen, sich zu betäuben und doch "mitzumachen". Oft ist es Unwissenheit, der Mangel an glaubwürdigen Alternativen. Der "Fürst dieser Welt" will nicht, dass wir aufwachen und die Wahrheit erkennen. Werbung, Filme, Medien, die Mechanismen der Abhängigkeit und des Konsums, kurz, alle möglichen weltlichen Beeinflussungen ruinieren auf die Dauer das innerste Empfinden.

Weil wir in diese Welt der Fälschungen und Täuschungen hineingeboren werden und die Last der Trennung, des grundsätzlichen Fremdseins, die "Schuld Adams", die Schuld unserer Väter, ungefragt erben müssen, spricht die Überlieferung von "Erbsünde". Dieses entfremdete Leben mit seinen scheinbaren Vergnügungen und Notwendigkeiten fälscht weiterhin unsere lebendigen Beziehungen untereinander, verhindert die Erkenntnis Gottes und macht die Entfaltung des inneren Menschen zur Verwirklichung seines ewigen göttlichen Urbildes fast unmöglich - jedenfalls aus eigener Kraft.


Die Wege des Lebens zeigst Du mir auf /
Und meine Seele wird Glanz und Licht vor Deinem Angesicht +

Dieser gefallenen Welt und ihrem Trug, den Fälschungen des Lebens, dem Verrat an Liebe und Wahrheit erteilt man eine klare Absage, wenn man den Mönchsweg beginnt. Die Heilung der Welt kann nur im Geistigen beginnen, und dazu bedarf es beherzter Schritte. In der äußerlichen Stille und Zurückgezogenheit des Klosters geschehen gewaltige Prozesse. Es gilt, die geistige Wahrnehmung zu öffnen, Selbsterkenntnis, vollkommene innere Freiheit und heilige Liebe zu erwerben.

Die Einübung der archaischen Rituale der orthodoxen Liturgien nebst den weiteren geistigen Übungen verbindet uns mit den ewigen Urbildern und ist eine strenge asketische Disziplin. Ebenso wichtig aber ist auf dem Wege die Fähigkeit, den Alltag zu meistern, Arbeiten zur Vollendung zu bringen und menschliche Freundschaft und Treue zu entwickeln.
Auf diese Weise wird das Mysterium des wahren Lebens nach und nach erfahrbare Wirklichkeit. Von dieser Erfahrung her kann der Einzelne wiederum auf das Ganze in einem guten, heilsamen Sinne einwirken.

Der Weg ist keine besondere Lehre, kein System, und schon gar keine Ideologie, sondern ist in der Art und Weise des sich selbst erkennenden Lebens verborgen, in der sich entfaltenden mystischen Erfahrung des Seins. Der Weg ist Leben. Es ist das Leben der Heiligung selbst.

Der allgemeine christliche Weg beginnt damit, dass man sein Leben ganz und gar Christus übergibt.. Auch "in der Welt", ist Heiligung möglich, wenn man die richtige Gemeinschaft pflegt, sich von Fälschungen freimacht, die Sakramente der Kirche empfängt und kirchlich lebt. Es ist der Weg der christlichen Ehe.


So werde ich also im Heiligtum von Dir erkannt /
Da ich erschaue Deine Schönheit und Kraft +

Der engere Weg der Mönche, der eigentlich mystische Weg, beginnt, wenn man sich einem Altvater anschließt und sein Jünger, geistlicher Schüler wird. Im gemeinsamen Leben wird nun der Weg durch den Altvater (Abt) an die Jünger weitergegeben.

Ein wirklicher Altvater ist nicht nur ein Klostervorsteher, sondern ein spiritueller Meister. Seine Autorität gründet weniger in seinem kirchlichen Amte als vielmehr in seiner eigenen Hingabe, in seiner geistlichen Erfahrung, seiner Intuition und geistigen Unterscheidungskraft. Vor allem aber in der Liebe, die er denen entgegenbringt, die ihm nachfolgen. Denn nur die Kraft der Liebe vermag das innerste Wesen, das Urbild eines Menschen zu erkennen und zur Entfaltung bringen.

Der Schüler folgt seinem Altvater in Allem mit großer Hingabe und Disziplin. Es wäre übrigens ein großer Irrtum, zu meinen, man könnte dabei Verantwortung auf den geistlichen Vater abschieben. Der echte Altvater ist keine Projektionsfigur; er wird keine falschen Abhängigkeiten dulden. Geistliche Nachfolge setzt Eigenverantwortung voraus. Der Altvater strebt mit seinen Schülern geistige Freundschaft an. Geistige Freundschaft aber, Treue und Liebe können nur unter verantwortungsvollen geistlichen Menschen wachsen.

A und O des Weges sind Liebe und Wahrheit.
Liebe und Wahrheit sind die höchsten Werte des Christentums; ohne sie ist Spiritualität und Askese hohl und widergöttlich. Denn Liebe und Wahrheit sind nicht nur zeitliche ethische, religiöse Werte, sondern ewige göttliche Urprinzipien, Gnadenkräfte oder Energien. Gott ist Liebe, wie Johannes der Evangelist sagt.

Die Verwirklichung von Liebe und Wahrheit setzt Einsicht, Wissen und Überwindung der Fälschungen voraus. Sie vom Urbilde her zu erfahren und zu leben, erfordert einen langjährigen Prozess des Erwachens zu geistigem Bewusstsein und des Hineinwachsens zum eigentlichen Sein. Das ist christliche Askese.

Christliche Askese heißt: alles Falsche abstreifen, das Unvollkommene wandeln und zum Eigentlichen vorstoßen. Askese ist Übung des Herzens. Ein christlicher Asket ist einer, der daran arbeitet, eine vollendete Herzenskultur zu erwerben.

Deshalb durchdringen Liebe und Wahrheit das Verhältnis des wahren Mönchs zu Gott, zu den Mitbrüdern und geistigen Schülern des Klosters, zu den anderen Wesen der göttlichen Schöpfung, zur Arbeit, zum Gebet, zu allem Lebendigen.


Du reichst  mir das Kostbarste, Deinen berauschenden Kelch /
Und ich bleibe im Hause des Herrn immerdar +

Die Kraft, die dies ermöglicht, ist der göttliche Eros. Wir müssen uns hier völlig freimachen von den heruntergekommenen hedonistischen Vorstellungen, die viele mit dem Begriff verbinden. Der göttliche Eros, von dem die Väter sprechen, ist die reine Kraft göttlicher Liebe, die das All und die ganze Schöpfung hervorgebracht hat, aus der alles Seiende lebt und die uns zur Erkenntnis der Wahrheit  führt.

Der Göttliche Eros entzündet ein heiliges Begehren, in dem keine Unreinigkeit, keine Angst und kein egoistisches Wollen mehr ist. Es öffnet aber das geistige Auge, führt zur Erkenntnis der eigentlichen, höchstmöglichen Wesensgestalt und entfaltet unsere Lebenswirklichkeit zum göttlichen Urbild des Seins hin.

Die in jedem Menschen angelegte und so oft verletzte oder gar zerstörte Sehnsucht nach Liebe und Wahrheit birgt den Keim dieses höchsten Strebens. 

Gott drängt sich nicht auf, aber er kennt unsere Sehnsucht. Er selbst hat die Sehnsucht in unser Herz gelegt, damit wir Ihn suchen.

In den Fälschungen des Lebens wird unsere Sehnsucht auf ungeeignete, uneigentliche Ziele abgelenkt. So werden wir am Empfang der Gnade gehindert. Die Quelle aller Sehnsucht ist aber zugleich die Quelle aller Erfüllung, aller Lebenskraft, allen Schöpfertums, aller echten Liebe und Freundschaft. Es ist der göttliche Eros, die schöpferische Liebe Gottes. Jedes edle, reine Streben des Menschen ist Bild und Spiegel des göttlichen Eros.

So hat uns Gott erkannt, so will Er von uns erkannt werden, dass auch wir einander in Wahrheit erkennen.

Das Mönchtum ist die äußerste Antwort eines Menschen auf die göttliche Liebe, wo das Begehren des Menschen mit dem Begehren Gottes zusammentrifft.

Auf diesem Wege finden wir unser ewiges göttliches Urbild und verwirklichen unser innerstes Wesen. Darum verlassen wir alle Fälschungen und Uneigentlichkeiten und werden, was wir von Ewigkeit her zu sein erschaffen wurden.

Wenn ein Mensch auf diesem Weg beharrlich bleibt und in Krisen nicht wegläuft, wird er seinem ewigen göttlichen Urbild immer näher kommen; er wird die Kraft der ewigen Dreifaltigkeit schmecken; er wird durch Feuer und Wasser gehen und göttlichen Schmerz und göttliche Freude erfahren.

So entsteht Heiligkeit.


Die Wege des Herrn sind Gnade und Wahrheit /
Für die / welche Seinen Bund und Seine Zeugnisse ergründen +

Es sind im Kloster nicht allein menschliche Kräfte und Möglichkeiten, die entfaltet werden. Der Mönch ist Mitarbeiter Gottes an der Heiligung. So wird schon im Sakrament der Mönchsweihe der Myste, nachdem er die Gelübde ablegt hat, mit göttlicher Gnadenvollmacht begabt.

Dem menschlichen Mühen kommt die Gnade Gottes entgegen.
Askese öffnet uns zur Empfängnis der Gnade. Wo die Sinne des Menschen geläutert, und die Liebe durch Hingabe und Prüfungen stark geworden ist, strömt die Gnade und Kraft des heiligen Geistes machtvoll ins Herz.

Gnade ist die Einwirkung der lebendigen, wirkenden Kraft Gottes, das Licht des göttlichen Wesens, Kraft der Dreifaltigkeit, Einwohnung des Heiligen Geistes.

Die Erfahrung der Gnade ist überwältigend. Die Väter sprechen vom Empfang des Taborlichtes; jenes überirdischen, göttlichen Lichtes, welches auch die Apostel Johannes, Petrus und Jakobus auf dem Berge Tabor sahen. Es ist eine buchstäbliche Erleuchtung.
Die Gnade kann sich aber auch still und ganz  allmählich ins Herz eingießen und sich eher mittelbar äußern. In jedem Fall verändert sie den Menschen, macht ihn weit, licht, und schön.

Dem gereinigten und geöffneten Bewusstsein wird die göttliche Gnadenkraft in all ihren vielfältigen Wirkungen spürbar. Es sind dies die göttlichen Energien, von denen der heilige Gregor Palamas spricht. Die Erfahrung solcher Gnadeneinwirkungen gibt dem Glauben eine völlig neue Dimension.

Darum erschöpft echtes Mönchtum sich nicht in äußerer Regelerfüllung und frommem Eifer, sondern erweist sich erst jenseits von Lehrsätzen, Formen und Vorschriften, in seinen eigentlichen geistigen, Qualitäten. Diese stehen neben der Liebe und der Wahrheit und werden durch diese beiden geadelt.

Darum widersteht wirkliches Mönchtum jeglicher Engigkeit des Geistes und der Anschauung. Deshalb ist das Kloster keine Gesellschaft von Theologen, Priestern, Ideologen, oder Gelehrten.

Das Kloster ist ein heiliger Bund gottgeweihter Mystiker und solcher, die auf dem Wege sind, die "das wahre Leben begehren".



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