Die Anatomie der heutigen Religiosität


 

Die Anatomie der heutigen Religiosität

vον Lambros Skontzos, Theologe

In der heutigen Zeit erfährt die Menschheit bekanntlich eine noch nie dagewesene spirituelle Verwirrung. Die radikalen Entwicklungen, Ende des letzten Jahrhunderts, läuteten den vollkommenen Zusammenfall und Konkurs der vorherrschenden Ideologien ein, des Marxismus, des Nihilismus und gottlosen Existentialismus.

Zweifellos resultierte aus dem Zusammenfall und Konkurs dieser atheistischen und materialistischen (philosophischen) Systeme unmittelbar, dass sich der heutige Mensch der Religion zuwendete. In Ländern, in denen Atheismus herrschte, und zwar aufgezwungener Atheismus, kann man ein unerwartetes Wiederaufblühen der Religiosität bemerken. Frühere Atheisten, insbesondere Marxisten, bekehrten sich zur Religiosität, nachdem sie zu „ideologisch Heimatlosen“ geworden waren, nur dass diese Religiosität in großem Maße kein „gesunder“, sondern vielmehr ein krankhafter seelischer und spiritueller Zustand ist, der von beispiellosem Mystizismus und Okkultismus durchwachsen ist. Denn für diese Menschen, denen die Dogmen des Atheismus und der Eudämonie jahrzehntelang eingetrichtert wurden, ist es sehr schwierig, eine gesunde Religiosität zu erleben, und noch viel mehr, des christlichen Glaubens teilhaftig zu werden, der an Konditionen und Beschränkungen geknüpft ist.

Mystizismus und Okkultismus sind ein Ersatz des Glaubens an Gott durch einen Glauben an „okkulte Kräfte“, die angeblich im inneren Menschen oder in der Natur existieren und angeblich eine vorherrschende Rolle im menschlichen Leben spielen sollen. Diejenigen, die den Okkultismus propagieren, lassen überdies verlauten, dass diese Wendung zum Glauben an diese „okkulten Kräfte“ eine vermeintliche „spirituelle Revolution“ darstelle, sowie „die Befreiung des Menschen aus dem unterdrückenden monotheistischen Joch der vergangenen zwei Jahrtausende“!

Diese „spirituelle Revolution“ wird von den Anführern des weltweiten Okkultismus „Neues Zeitalter“ („New Age“) genannt und mit sonderbaren, primitiven und irrationalen Kulten aus dem Spektrum der Astrologie vereint. Irgendwann, so behaupten sie, Ende des letzten Jahrhunderts, seien wir in das „Wassermannzeitalter eingetreten“. Denn die „Bahn unseres Sonnensystems wandere“, ihrer Paradoxologie zufolge, in ein anderes Sternzeichen des himmlischen Tierkreiszeichens „über“, sodass ein entsprechendes „Neues Zeitalter“ beginne. Das letzte „Zeitalter“ sei das Fischezeitalter“ gewesen, und damit das des Christentums, da das kryptographische (griechische) Wort und Geheimzeichen «ΙΧΘΥΣ» (Fisch), mit dem sich die ersten Christen während der Christenverfolgungen gegenseitig erkennen konnten, auch Christus symbolisiert. Das Wort «ΙΧΘΥΣ» bedeutet «ησοῦς Χριστός, Θεοῦ Υἱός, Σωτήρ» (Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser). Dank dieses heiligen christlichen Geheimzeichens „tauften“ die Okkultisten das christliche Zeitalter „Fischezeitalter“. Sie behaupten, dass wir Anfang des 3. Jahrtausends n. Chr. in das Sternbild des Wassermanns „gewechselt sind“, ins „Neue Wassermannzeitalter“ eintraten und für immer das christliche Zeitalter, das „Fischezeitalter“ und damit ebenso das Christentum, hinter uns ließen! Um Missverständnissen vorzubeugen möchte ich an dieser Stelle betonen, dass alldem keine wirklichen wissenschaftlichen Erkenntnisse zugrunde liegen und es sich um willkürliche Definitionen von Okkultisten handelt. Kein seriöser Wissenschaftler teilt diese haltlosen und kindhaft lächerlichen Theorien.

Das „Neue Wassermannzeitalter“ habe die Menschheit, den Worten der Okkultisten zufolge, in einen „neuen spirituellen Weg“ eingeführt. Es habe uns vorgeblich die „heiß ersehnte Freiheit“ beschert, nach welcher „der Mensch seit Jahrhunderten suchte“. „Ein versiegeltes Geheimnis“ soll gelüftet worden sein, dass nämlich „der Mensch ein Gott“ sei und in dieser „glorreichen Zeitperiode“ dazu aufgefordert werde, sich seines „Gottseins“ bewusst zu werden und es „zu seinem Glück zu nutzen“! Überdies offenbare sich ihm noch eine „verborgene Wahrheit“ (wobei es sich natürlich um eine vollkommene Lüge handelt), dass es „keinen personalen Gott“ gebe, sondern nur eine nebelhafte „unpersönliche Energie“, sodass der Mensch Angst und Sorge vor Strafe in der Welt und nach dem Tode abwerfen könne.

Zusätzlich gibt der Glaube in die Seelenwanderung Anlass zu Furchtlosigkeit vor möglichen Konsequenzen nach dem Tode, da der Mensch mit dem „weltlichen Karma“ verbunden bleibe, dass er mit weltlichen Mühen zu „erfüllen“ genötigt sei. Mit dem „personalen Gott“ sei außerdem jeder Sittenkodex „gestorben“, da das „Neue Zeitalter“ die Existenz von „Gut“ und „Böse“ abstreitet, und an deren Stelle die erfolgreiche oder -lose menschliche „Selbstverwirklichung“ setzt!

Ferner sei angeführt, dass diese Kulte in östlichen Religionen ihren Ursprung haben (Hinduismus, Buddhismus, Lamaismus, Taoismus etc.), die in die westliche Welt Einzug gehalten haben und von denen die westlichen Menschen, die nicht von (wahrer) Spiritualität kosten konnten, mit ihrer ganzen „Spiritualität“ und Praxis, ergriffen sind.

Den „unpersönlichen Gott“ haben im Okkultismus und Mystizismus die „mystischen Kräfte“ ersetzt, ob es sich um astrale (astrologischer Okkultismus), oder aber irdische (naturverehrender Okkultismus) handelt. Bemerkenswert dabei ist, dass im Okkultismus und die Esoterik des Neuen Zeitalters, wenngleich die personale Hypostase Gottes geleugnet wird, dennoch personale astrale und okkulte Kräfte akzeptiert werden, die angeblich eine entscheidende Rolle im Leben des Menschen spielen. Um sie zu „bändigen“ und sich diese „zunutze zu machen“, sei es notwendig, „okkulte Techniken“ zu verwenden, wie unter anderem Magie, Spiritismus, Hellseherei, Astrologie, Yoga, transzendentale Meditation und eine Reihe von alten und neuen Formen des Aberglaubens. Und all dies in Verbindung mit der Seelenwanderung, der grundlegenden „Metaphysik“ des „Neuen Zeitalters“. Selbstverständlich handelt es sich bei diesen Kräften für uns Christen um dämonische Kräfte, unreine Geister, deren ausschließliches Bestreben darin liegt, die Menschen vom Glauben an Gott und Seiner Gnade zu entfernen, und damit an ihrer Erlösung zu hindern!

In diesem Rahmen wird in den letzten Jahren ein Anstieg an „Okkultismus-Verwaltern“ beobachtet, die da sind: Magier, Spiritisten, Medien, Hellseher (in Tarotkarten lesen, Arithmomagie, Kaffeesatzlesen etc.), Astrologen, Pseudoheiler u.a., die allzeit und mit finanziellem Gewinn die Religiosität von tausenden von Menschen bestimmen und lenken. Es ist schon soweit, dass jede Nachbarschaft über einen Kaffeesatzleser, ein Medium, einen Astrologe und einen Hypnotiseur verfügt! Nicht selten nutzen sie sogar die Massenmedien, um für ihre Dienste zu werben, ohne sich vor dem Gesetz fürchten zu müssen, obwohl nebst der okkulten Praxis oftmals auch Betrug gegeben ist. Nicht wenige Fälle von Betrug und Ausbeutung naiver Opfer durch „Okkultismus-Verwalter“ haben das Licht der Öffentlichkeit gesehen und bestätigen die Krankhaftigkeit der heutigen Religiosität.

Unser christlicher Glaube stellt sich dieser heutigen falschen Religiosität entgegen, und zwar in ihrer authentischen Form, der Orthodoxie. Der selige amerikanische orthodoxe Archimandrit und zeitgenössische Heilige, Vt. Seraphim Rose, hatte bereits vor einem halben Jahrhundert diese unerwartete Erscheinung der falschen Religiosität vorausgesagt. Doch er sagte ebenfalls etwas Hoffnungsvolles voraus: Dass sich unsere Orthodoxie in den vorherrschenden Glauben des 21. Jahrhunderts entwickeln würde! In freudiger Erwartung, dass der Menschheit bewusst werde, dass sie einen falschen spirituellen Weg eingeschlagen hat und sich ihr das „wahre Licht der Welt“ (Joh 8,12) offenbare, unserem Herrn, Jesus Christus, dem einzigen Erlöser und Erretter der Welt, Dem man in Seiner Kirche begegnen und erleben kann, in der Orthodoxie, der Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche, Seiner einzigen und wahren Kirche!

Übersetzung: Alexia Ghika- Kyriazi

Zeitschrift DIALOGOS
BAND 95
JANUAR-MÄRZ 2019
Zeitschrift des Interorthodoxen Verbandes d. Elterninitiative

 

   


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