Agora


Die historischen Ungenauigkeiten des Films „AGORA" von Alejandro Amenampar

von Irene A. Artemi 
Diplome in Theologie-Philologie an der Universität Athen,
Magister in Theologie an der Universität Athen,
Doktorandin in Theologie an der Universität Athen" 

Der Film «Agora» handelt vom Leben der Philosophin Hypatia aus Alexandria während der turbulenten Zeit des späten 4. und frühen 5. Jahrhunderts n. Chr. in Alexandria, Ägypten.

Zunächst ist anzumerken, dass Alejandro Amenampar, Regisseur des Films ein Atheist ist.
Nach eigenen Aussagen wurde er in einer christlichen Familie geboren und wuchs dort auf, wurde dann Agnostiker und in der Folge Atheist. Diese Informationen werden hervorgehoben, damit man versteht, warum der Film - wenn er sich auch scheinbar nicht gegen die christliche Religion richtet- in der Tat die Christen als Fundamentalisten, Dunkelmänner, Ignoranten und Fanatiker darstellt, und mit der Anspielung endet, daß ein sehr wichtiger christlicher Heiliger, der Patriarch Kyrill von Alexandria, nichts weiter als ein fanatischer Prediger und der moralische Anstifter der Ermordung von Hypatia war.

Die wichtigste historische Quelle für die Widerlegung der Ungenauigkeiten des Films ist das Werk des Historikers Sokrates des Scholastikers, "Kirchengeschichte". Er lebte zur gleichen Zeit, wie Kyrill von Alexandrien. Seine Schriften haben besonderes Gewicht, da Sokrates der Häresie des Novatianismus angehörte. Dies war eine Irrlehre, die Kyrill leidenschaftlich bekämpfte[1].

Am Beginn des Films wird gezeigt, wie Christen von Heiden verbal provoziert werden und sie anschließend angreifen. Nach Sokrates, hatte Theophilos, der Patriarch von Alexandrien und Onkel von Kyrill strenge Maßnahmen gegen sie ergriffen und Serapeion und Mithreion zerstört. Der Grund dafür war, daß die Heiden die Christen angegriffen hatten, und aus diesem Grund  den Zorn Kaisers Theodosius' II befürchteten.[2].

Wie auch immer, im Film ist Hypatia's Vater Theon ein wichtiger Mathematiker, der während der Zerstörung des Heiligtums von Serapeion verwundet wird und schließlich an seinen Verletzungen stirbt. In Wirklichkeit ist die Ursache von Theons Tod unbekannt. Vermutlich starb er um 405 n.Chr. Im Film war die harte Haltung des Patriarchen Theophilos die Ursache dafür, daß viele Heiden zum Christentum übertraten. In Wirklichkeit jedoch befand sich im Heiligtum von Serapeion eine Statue, die auf ihrem Sockel das Zeichen des Kreuzes trug. Dies veranlasste viele Heiden zu glauben und sich christlich taufen zu lassen[3].

Falsch ist auch die Auffassung, dass Kyrill sich nach dem Tod des Theophilos selbst zum Nachfolger seines Onkels ernannt hat, indem er die hierarchischen Gewänder des Toten und dessen Ring trug. In der Orthodoxie tragen die Patriarchen keine Ringe als Zeichen ihrer bischöflichen Autorität. In keiner historischen Quelle wird erwähnt, dass Kyrill einen Ring trug, um seine Autorität sichtbar zu machen.

Er folgte seinem Onkel Theophilos, nach einer Auseinandersetzung mit dem Archidiakon Timotheus um den Thron des Patriarchen. Kyrill bewahrte eine harte Haltung gegenüber den Götzendienern, weil er sie verantwortlich für die Neigung mancher Christen in Alexandria machte, sich der Magie und Astrologie zuzuwenden anstatt der Astronomie, und allgemein, immer noch Gefangene des Aberglaubens, der Vorurteile und des Heidentums zu bleiben. Er selbst hatte die  klassischen Schriftsteller des alten Griechenland und die großen Philosophen wie Platon, Plotin und andere studiert, was besonders in seinem Werk "Gegen Julian" erkennbar ist. [4]

Im Film wird Ammonius als Fanatiker der "Parabalani" dargestellt [5], der barfuß durchs Feuer ging, um die Götzendiener zu beeindrucken. Doch die Christen der damaligen Zeit - und im Allgemeinen - taten niemals Wunder, um andere zu beeindrucken, noch um diejenigen zu überzeugen, die ihnen gegenüber negativ gesinnt waren. Die Wahrheit ist, dass Ammonius ein Mönch aus Nitria war. In Nitria gab es rund fünfhundert Mönche, die die christliche Lehre inbrünstig aufrechterhielten. Kyrill hatte einige Jahre lang gemeinsam mit ihnen monastisch gelebt. Vielleicht ist ihnenen die Leidenschaft des Patriarchen von Alexandria zuzuschreiben, die christliche Lehre zu verteidigen.

Auf Grund des verbalen Angriffs von Ammonius gegen den Präfekten Orestes und der Tatsache, daß er ihm einen Stein an den Kopf warf, wurde er verhaftet, gefoltert und getötet. Kyrill nannte ihn einen Märtyrer und begrub ihn in Ehren, während Kyrill ihn im Film zum Heiligen erklärte. In der Orthodoxie, werden Heilige nur vom Dreifaltigen Gott als Heilige verkündet und nicht von Menschen. Im Film wird der Präfekte Orestes als Christ präsentiert, der versucht, das empfindliche Gleichgewicht zwischen Juden, Heiden und christlichlichen Einwohnern Alexandrias zu wahren. Orestes war wohl aus politischen Interessen zum Christentum übergetreten, etwas, das auch im Film herausgestellt wird, als ihm von Synesios, dem Bischof von Zyrene eine Frage gestellt wird. Letzterer fragt Orestes, ob er wirklich an den Gott der Christen glaubt, oder ob er aufgrund von Interessen Christ geworden sei. Sokrates der Scholastiker sagt, daß viele Christen in Alexandria Orestes als „Opferbringer" (Heiden) bezeichneten, was bedeutet, dass er wegen seines ungerechten Verhaltens den Christen gegenüber ein Götzendiener war. Der gleiche Historiker erwähnt ferner den Hass, den Orestes gegenüber den christlichen Bischöfen empfand. [6] Es werden auch nirgends im Film die Qualen erwähnt, die Orestes dem Hierax, einem Vertrauten Kyrills, auferlegt hat. [7]



Was die Episode mit dem Judäer im Theater angeht, haben die Christen gemäß den historischen Quellen keine Judäer im Theater am Sabbat gesteinigt. Im Gegenteil, sie wurden öffentlich beschuldigt, dass sie sich, anstatt das Wort Gottes in ihren Synagogen anzuhören, wie es ihre Religion verlangt, im Theater befanden. [8]

Die Juden betonen den Christen gegenüber, daß auch Christus ein Jude war, und daß ohne sie die Letzteren nicht existieren würden. Dieses Argument ist nicht stichhaltig, weil die Juden Christus nicht als Messias und Sohn Gottes anerkannt haben, sondern für einen falschen Propheten halten.

Hypatia wird im Film als junge, schöne Frau dargestellt und als eine Freundin des Orestes. Aus historischen Quellen wissen wir nicht, ob sie schön gewesen ist, aber sie war mit Sicherheit sehr gebildet. Sie kann nicht jung gewesen sein, denn wenn sie 365 n. Chr. geboren wurde, zu der Zeit, als Kyrill Patriarch wurde, dann war sie an die fünfzig Jahre alt. Das war während dieser Zeit schon ein fortgeschrittenes Alter, sowohl für Männer als auch für Frauen. So wird der Mythos von einer jungen und attraktiven Frau, der durch gewisse Pseudo-Historiker des Mittelalters Fleisch und Blut angenommen hat, enlarvt. Außerdem war es allen Einwohnern Alexandrias während dieser Zeit wohlbekannt, dass sie der Hauptgrund dafür war, dass Orestes keine loyale Beziehung zu Kyrill erlangen konnte. [9]

Nirgends wird historisch überliefert, dass Kyrill Frauen als minderwertig betrachtete, wie es im Film dargestellt wird. In der spezifischen Szene, als Kyrill den zweiten Brief des Paulus an Timotheus rezitierte, predigt er die Minderwertigkeit der Frau gegenüber dem Mann.

So etwas hätte Kyrill niemals predigen können, weil er selbst in seinem Werk betont, dass die Stellung der Frau in der Person der Theotokos erhöht wurde, der Mutter Christi, der neuen Eva. Außerdem stünde das im Widerspruch zur Lehre Christi, der die Frau erhöht und sie dem Mann gleichgestellt hat.

Das gleiche wird auch von Paulus in seinem Brief an die Epheser betont, und vor allem in dem Abschnitt, der beim Sakrament der Ehe vorgelesen wird. Gemäß Sokrates hat Kyrill Orestes, basierend auf der Heiligen Schrift, für verschiedene seiner Untaten verurteilt. Um die Vorwürfe Kyrills und der anderen Christen zu widerlegen, betont der Eparch, daß auch er ein Christ sei, der von Attikus von Konstantinopel getauft worden sei.

Es gibt keinen Hinweis in den historischen Quellen der damaligen Zeit, dass Kyrill Hypatia als Zauberin bezeichnet hat, im Gegenteil scheint er ihre wissenschaftlichen Kenntnisse respektiert zu haben.

Historisch wird der Patriarch von Alexandria nicht als Dunkelmann dargestellt. In der Tat hatte er die Werke des Basilius, Gregor von Nyssa, Origenes und anderer studiert, die alte Philosophie gelesen oder gelernt hatten, und die sich die wissenschaftlichen Theorien ihrer Zeit zu eigen gemacht hatten. Natürlich untersuchten sie all diese verschiedenen wissenschaftlichen Anschauungen im Lichte der christlichen Lehre. Es ist erwähnenswert, dass viele Christen Schüler von Hypatia waren, wie z.B. Bischof Synesios von Kyrene [10], der Bruder des Evoptios von Ptolemais, vielleicht Isidor von Pelusium und andere.

Der Film präsentiert die Christen - vor allem die "Parabalani" - nicht nur als Dunkelmänner, sondern auch als ignorant.  In einem ihrer Gespräche untereinander sagen sie, dass die Erde und der Himmel einer Truhe ähneln und sie lehnen die Theorien der Astronomie ab. Natürlich lehnten die Christen die Theorien der Astronomie nicht ab, noch gewann die Strafe auf dem Scheiterhaufen für diejenigen, die sich zu ihnen bekannten, die Oberhand. Darüber hinaus hatten große Kirchenväter, wie Basilius der Große, Astronomie,  Mathematik usw. studiert, und sie nehmen in ihren Werken Bezug darauf.

Schließlich hält der Film Kyrill für den moralischen Anstifter der Ermordung Hypatias, aber weder Sokrates der Scholastiker noch irgendeine andere historische Quellen aus jener Zeit schreiben dem Patriarchen Alexandrias eine solche Handlung zu. Wenn es auch nur einen leisen Verdacht gegeben hätte, dass Kyrill an der Ermordung der Philosophin beteiligt gewesen wäre, hätte Nestorius von Konstantinopel es in der theologischen Auseinandersetzung, die er mit Kyrill hatte, ausgenutzt. Außerdem hätten seine verschiedenen Feinde ebenfalls darauf hingewiesen. Der Patriarch von Alexandrien wurde heilig gesprochen durch den Dreieinigen Gott, nicht nur für sein Leben, sondern auch für seine Theologie der Menschwerdung der zweiten Person der Dreifaltigkeit und für die Verteidigung des Begriffs „Theotokos" für die Mutter unseres Herrn Jesus Christus.

Abschließend kann der Film eine schöne Landschaft haben, aber das Thema, das er behandelt - Hypatia und ihr Tod - und die Art, wie es behandelt wird, wird für die Neu-Heiden und die Gegner der Orthodoxie ein Grund zu glauben, dass sie Argumente gegen das Christentum gefunden haben. Aber zu ihrem Leidwesen, sind ihre Argumente wieder einmal unecht.

Anmerkungen:

[1] Sokrates, Kirchengeschichte 7,7 PG 67, 752A.

[2]. Ebenda, 5,16-17.

[3]. Ebenda, 5,17.26.

[4]. Kyrill von Alexandrien, Gegen Julian: Zu Gunsten der wohlwollenden Religion der Christen, an Julian..., Ι - ΧΙΧ, P. Evieux, SC 322 (t. I-II), PG Paris 1985. 100 bis 318 (PG 76, 504A-1064B).

[5]. Die „Parabalani" «παραβαλανείς», waren eine besondere Organisation, die philantropische Werke vollbrachte - etwas, das im Film verdeutlicht wird. Sie hielten sich in der Nähe der kirchlichen Sanatorien auf, woher sie auch ihren Namen haben. Und nach Sokrates neigten sie zu sozialen Unruhen. Oft jedoch handelten sie ohne das Wissen des jeweiligen Patriarchen, aus diesem Grund erließ Kaiser Theodosius II am 28.09.416 ein Gesetz, das sie unter die Gerichtsbarkeit des Eparchen stellte.

[6]. Sokrates, Kirchengeschichte 7,7 PG 67, 764A.

[7]. Ebenda, 7, 13-34. PG 67, 761C-764C.

[8]. Ebenda, 7, 13.1. PG 67, 761CD.

[9]. Ebenda, 7, 15. PG 67, 768V. Siehe Nikephoros Callistus, Kirchengeschichte 14,16, PG 146, 1105C-1108B.

[10]. C. Lacombrade, Synesios de Cyrene, Hellene et Chretien, Paris 1951, S.54-55.

Erneut veröffentlicht, aus der Zeitung "Orthodox PRESS" (12-2-2010 ISSUE)

Übersetzung: Sr. Matthaia

©Heiliges Kloster Pantokratoros
 




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