Altvater
Joseph von Vatopedi
Der Weg der Metanie –
Fragen und Antworten [1]

 

1. Was ist die Taufe und warum werden wir getauft?
 
Die Taufe ist der Ausweis des Bekenntnisses der gläubigen Christen, der echten Untertanen Gottes, der wirklichen Bürger des Reichs der Himmel, der auf immer eingepflanzten Glieder des Leibes Christi und daher Erben des ewigen Lebens. Die göttliche Taufe in ihrem orthodoxen Verständnis  – und diesem allein – ist die Wiederherstellung und Wiedererlangung unseres ursprünglichen Wesens als „Bild und Ebenbild“ (Gen 1,26) unseres Schöpfers und mithin die Wiedererlangung unseres Wesens als Person.[2]   

Dies ist, was unser Herr offenbart und hervorhebt mit den Worten: „Wer glaubt und getauft wird, wird gerettet werden“ (Mk 16,16). Die Taufe ist die bekennende Widerrufung unserer ersten Verleugnung, und deshalb ist sie eine unerläßliche und gebotene Pflicht, ohne die wir unsere natürliche Gottgestaltigkeit[3] nicht zurückerlangen können. Die Taufe ist die Tilgung und Beseitigung der Ursünde sowie all dessen, was die Strafe und Verurteilung in unserer Natur bewirkt hat.

 Unsere Taufe im Namen der Allheiligen Dreiheit, des wahren Gottes, pfropft uns dem Leib unseres Bildners ein, damit wir hypostatisch[4] teilhaben können an den göttlichen Verheißungen. „Du Vater in Mir und Ich in ihnen, damit sie eins seien, so wie Wir eins sind“ (Joh 17,21). Wir werden Erben des Vaters und Miterben Seines
Sohnes.  

Gewiß gilt die Taufe allein, ohne rechtes Handeln, nicht als ausreichend. Umgekehrt aber kann uns ohne die Taufe keinerlei rechtes Handeln oder gute Tat gerecht machen. Die Taufe ist die bleibende Forderung unseres Herrn und wirklichen Retters, sagte Er doch, als Er Seine Jünger aussandte zur Fortsetzung Seines Werks, der Rettung der Menschen: „Geht hin, unterweist alle Nationen, indem ihr sie tauft im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie lehrt, alles zu halten, was Ich euch geboten habe“ (Mt 28,19).  

Durch die orthodoxe Taufe im Namen des Dreieinigen Gottes empfangen wir  „Anteil am Erbe der Heiligen“ (Kol 1,12), werden zu „Kindern Gottes“ (s. Joh 1,12).  Die Heiligung, die Übermittlung der göttlichen Gnade, geschieht nicht durch die materiellen Elemente der Taufe, sondern durch die Epiklese der Dreiheit, wie uns die heiligen Apostel und die von Gott inspirierten Lehrer unserer Kirche überliefert haben. Taufen gibt es verschiedene, jede Verblendung und Häresie hat ihre eigene. Doch Gott ist ein einziger, und eine einzige ist die Wahrheit, und nur die wirklichen Gläubigen empfangen Anteil an der Gnade und an der Sohnschaft.
 
 

2. Wohin führt die wirkliche Metanie?
 
Die menschenfreundliche göttliche Gnade ist eine einzige, doch sie wirkt in den Gläubigen auf vielerlei Arten. In denen, die am Anfang der Metanie[5] stehen und ihre Leidenschaften noch nicht abgelegt haben, wirkt sie zur Ermutigung, damit sie nicht kleinmütig werden und zurückweichen. In denen, die voranschreiten und kämpfen, indem sie sich Gewalt antun, erscheint sie von Zeit zu Zeit, um sie anzuspornen im Kampf. In denen, die fortgeschritten sind im Werk der Praxis und ihre Sinne gebändigt haben und sie zurückhalten von den Leidenschaften, gewährt sie die göttliche Erleuchtung. In denen, die mit Genauigkeit auf ihre Sinne achten und sie bewahren vor der Gefangenschaft der leidenschaftlichen Unvernunft, intensiviert sie die Erleuchtung des Geistes, ordnet die Gedanken und bringt die  vernunftgemäßen und gottgefälligen Entschlüsse und Urteile hervor.  

Das unaussprechliche und für den Verstand erschütternde Mysterium ist nach unseren Vätern  Folgendes: Wenn der Geist[6] mit aller Achtsamkeit die Sinne zurückhält von den unvernünftigen Trieben und Regungen und sie unterwirft, sodass sich in ihm „das Wort des Geistes des Lebens“ (vgl. Röm 8,2) niederläßt, ordnet sich die Gnade der Herrschaft des Geistes unter, und es kommt zur Vereinigung dieser beiden vollkommenen Elemente, die den  vollkommenen  Menschen ausmachen.  

In der vollendeten Metanie, wenn „das Sterbliche verschlungen wird vom Leben“  (2 Kor 5,4) und der Geist zusammen mit der göttlichen Gnade die Auferstehung besiegeln, beginnt die Wahrnehmung und Gewißheit, die über der Natur sind, und dann beginnt auch die wirkliche Diakonie für das Plerom der Kirche.  

Obwohl die Gnade eine einzige ist, wird sie auf vielerlei Arten verteilt an ihre Werkzeuge, die geheiligten Seelen, „einem jeden verliehen nach dem Maß der Gabe“ (Eph 4,7).  Dem einen gibt sie Weisheit, dem anderen Erkenntnis und Theologie, einem dritten die Gabe der Prophetie, einem weiteren die Gabe des Heilens, noch einem weiteren die Gabe der Diakonie, je nachdem wie es nötig ist, um das Plerom der Kirche zur Vollkommenheit zu führen. All das galt nicht nur „in jenen Tagen“,   sondern es gilt genauso auch heute, denn die Verheißung unseres Herrn, dass Er uns
niemals allein lassen wird (s. Mt 28,20), bleibt in Kraft. 

Diese Zustände, die eine Art Beförderung derjenigen sind, die ihr Gewissen mit Genauigkeit hüten, sind stabil, doch sie unterliegen nicht der Kontrolle derjenigen,  die sie erfahren, „damit das Übermaß der Macht bei Gott sei und nicht aus uns“ (2 Kor 4,7). Einigen wird eine innere Botschaft, innere Gewißheit[7] gegeben, sooft die Gnade dies als nützlich erachtet. Und auch das unterliegt nicht der Kontrolle, dessen, der sie erfährt, das heißt das Wann, Wie und Wieviel. Meistens aber werden diese Dinge herbeigerufen durch das Gebet, allerdings nicht dann, wenn der Betende es will, wie sehr er auch darum bitten mag.  

Die Energien der Gnade werden überhaupt nie vom Menschen kontrolliert, wie sehr er auch um sie bittet, denn die auf die Rettung aller zielenden  Dekrete der göttlichen Vorsorge sind sozusagen unveränderlich. Wir haben das Recht, zu bitten, doch nicht jenes, zu befehlen. Der dem Wohlgefallen Gottes gemäße göttliche Wille ist die Rettung der Seele, und wenn diese behindert würde durch irgendeine „Tröstung“, wird die Bitte darum niemals erhört. 
 
 
3. Welches sind die praktischen Mittel,  
  die zur Metanie führen und diese fördern?
 
Insofern Metanie die Berichtigung von Fehlern ist, welche das Handeln und das Denken betreffen, ist das erste, was sich aufdrängt, unsere Entfernung von den Anlässen und Ursachen, die diese Fehler hervorriefen. Dem muß die mutige und standhafte Entschlossenheit folgen – was nicht unabhängig ist von unserem Charakter und unserer Willensstärke –, das, was zur Schuld geführt hat, nicht wieder zu tun. Diese Entschlossenheit müssen wir verbinden mit der fortwährenden Anrufung der Hilfe Gottes, und so werden wir die göttliche Gnade wiedererlangen, die unsere Sündhaftigkeit betrübt und vertrieben hat. 

Das unbedingt Unerläßliche, das den eigentlichen Kern der Metanie bildet und danach auch der Therapie, ist der Kampfgeist, die Liebe zur Anstrengung.[8] Diese besiegt und beseitigt die vielgestaltige Genußsucht, die uns die Selbstliebe beschert hat, denn „jede Übertretung, jeder Ungehorsam empfängt den gerechten Lohn“ (s. Hebr 2,2). Hierin offenbart sich die uneingeschränkte Wirksamkeit der göttlichen Gerechtigkeit, welche die Unvernunft verabscheut, das heißt den Mißbrauch der Gesetze und Regeln unseres vernünftigen Wesens. 

Wie wir in einer vorhergehenden Antwort darlegten, führt der Mißbrauch der Gedanken unserer vernünftigen Natur zwangsläufig zum Mißbrauch der Dinge. So wird die vielgestaltige Sünde vollzogen, deren Hauptergebnis der Genuß ist, die Mutter des Todes. Eine andere Arznei als die heilsame Anstrengung gibt es nicht zur wirklichen Beseitigung dieses Verderbens. Dies ist denn auch der Grund, warum die Beichtväter denjenigen, die auf dem Weg der Metanie wandern, Bußregeln auferlegen. So bewegen sie ihre geistigen Kinder zu einem wenn auch unfreiwilligen Kampf gegen die Genußsucht, der Frucht der Übertretung.  

Besonders hilfreich zur Erlangung der dauerhaften und wahren Metanie ist die genaue und gründliche Kenntnis unserer Bestimmung. Was waren wir am Anfang unserer Erschaffung, als die Bosheit und alles daraus folgende noch nicht Besitz ergriffen hatten von unserer Seele? Wohin glitten wir ab und wohin sind wir jetzt mit der Gnade unseres Christus aufzusteigen gerufen? 

Wenn wir uns diese Dinge stets vor Augen halten, wenn uns dieses Gewahrsein immerdar begleitet und untrennbar mit uns verbunden bleibt, werden wir nie abweichen vom rechten Weg. Dann werden wir uns nicht mitreißen lassen von den Lockungen der Unvernunft und der Perversion.
 
 

4. Warum ist die Beichte notwendig?
 
Die Beichte ist der erste Element der Metanie. Im Gleichnis vom Verlorenen Sohn sehen wir ihre Bedeutung: „Ich will aufstehen und hingehen zu meinem Vater und zu ihm sagen: ‚Vater, ich habe mich versündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht länger wert, dein Sohn geheißen zu werden“ (Lk 15,18). Mit jenem „ich will aufstehen“  erklärt er die Berichtigung des Sturzes, die Widerrufung des sündigen Beschlusses und die Lösung von der begangenen Verfehlung. Mit dem Bekenntnis „ich habe gesündigt“ bittet er um Vergebung.  

Das nächstfolgende Element der Metanie ist die Demut, die die Unvernunft umwirft, in welcher sich die irregeleitete Phantasie egoistisch bewegt. „Ich bin nicht länger wert, dein Sohn geheißen zu werden“. Dieses freiwillige Ablegen der Sohnschaft ist der unerläßliche Erweis, dass er seine Verfehlung anerkennt, und die  tatsächliche Rückkehr zu seinem naturgemäßen Stand als  Person.[9] 

Die Notwendigkeit der Beichte als konkreter Erweis der Metanie betonen verschiedene Passagen der Heiligen Schrift. Mit der Beichte offenbart der Mensch seinen Defätismus, den Verrat und die Verleugnung seiner Pflichten, woraus der Sturz und der Verderb erwuchsen. Er bekennt seine Verantwortung, womit er die Mittel und Ursachen seines Sturzes zunichte macht und seine Rückkehr in den Schoß des himmlischen Vater, die er durch die Sünde und Übertretung unterbrochen hatte, zur Vollendung bringt. 

Mit jeder Übertretung und jedem Ungehorsam lädt Mensch eine doppelte Schuld auf sich – auf den Körper durch die Sinne einerseits und auf die Seele und den Geist, von denen der Verrat ausgeht, andererseits. Mit der Beichte werden beide Formen von Schuld geheilt, sofern er die Verleugnung und den Verrat demütig als die seinigen anerkennt.  

Weder kann es Beichte geben ohne Metanie, noch auch Metanie ohne Beichte. Beide sind untrennbar voneinander und beide sind unerläßliche Mittel des Heils.  

Die Hauptursache der Abirrung des Menschen ist das falsche Urteil des Verstands. Metanie bedeutet die Rückkehr des Verstands zum rechten Urteil und zum rechten Gebrauch der Gedanken, sodass die Unvernunft entfällt. Dieser Akt der Rückkehr zum Gleichgewicht  wird  von der Menschenliebe Gottes angenommen. Deshalb ist die Metanie das größte Geschenk Gottes an unsere Natur, nachdem wir aus unserer ursprünglichen Gottgestaltigkeit [10] herausgefallen sind. Aus diesem Grund dürfen wir die Metanie nicht vernachlässigen, denn wie die Schrift sagt, „Wer wäre frei von Befleckung, und hätte er auch nur einen einzigen Tag auf Erden gelebt“ (Hiob 14,4-5).  

Wer vermöchte die Größe der Menschenfreundlichkeit Gottes und seine Allgüte gegenüber dem Menschen zu beschreiben! Er nimmt ihn an, wenn er reumütig zurückkehrt zu Ihm, wie schlimm sein Verrat und seine Übertretung auch gewesen sein mögen. Und wer vermöchte das Elend und die Verfinsterung des irregeführten Menschen zu schildern, der dieses Geschenk mit Füssen tritt und verwirft, dieses Geschenk, welches den Abtrünnigen und Verräter zurückholt in die liebende Umarmung des Vaters und ihn befreit von der ewigen und schrecklichen Verdammnis! 

Wenn die Menschenfreundlichkeit Gottes uns nicht die Metanie gewährt hätte, würde uns selbst die Heilsökonomie unseres Erlösers nichts nützen, denn unsere Wechselhaftigkeit und Perversion würde all das in unserem sündigen und schuldbeladenen Dasein ertränken.  

Kein Sprößling der Wurzel Adams vernachlässige daher, in diesem Leben Gebrauch zu machen vom großen Geschenk der Metanie, damit er nicht nutzlos und endlos weine in der kommenden Ewigkeit! Die Trauer und die Tränen sind die wichtigsten und  nützlichsten Instrumente der echten Metanie, und diejenigen, die auf rechte Weise in Metanie leben wollen, sollen sich niemals trennen davon.
 
 
5. Was ist die Trauer und welchen Nutzen hat sie
 für den Gläubigen?
 
In Seiner Bergpredigt preist der Herr die "Trauernden" selig, und zwar nach der Seligpreisung der "Armen im Geiste", das heißt der Demütigen (s. Mt 5,1ff). Der wahrhaft Demütige ist ununterbrochen in Trauer, denn er empfindet in allem seine eigene Unwürdigkeit und betet mit Schmerzen zu Dem, Der "mächtig ist, zu retten", zu Gott.  

Die Trauer wird geboren aus dem Empfinden der Geringheit, der Nichtigkeit. Unwürdigkeit und Schwäche des Menschen. Sie ist die aufrichtigste Fürbitterin bei denen, die Rettung und Beistand zu gewähren vermögen, insbesondere bei Gott, Dem Einzigen, Der imstand ist, wirklich zu trösten.  

Als der Mensch noch im Schoß der allumfassenden Liebe Gottes und der Sohn- schaft ruhte, gab es die Trauer nicht. Erst nach dem Sturz wurde sie hinzugefügt zu den erzieherischen Strafen gegen die menschliche Unverschämtheit.  

Ich glaube nicht, dass es im ganzen Spektrum der Metanie ein heilsameres und wirksameres Mittel gibt als die Trauer. Das erste, was der Ersterschaffene nach seiner Verbannung aus dem Paradies fand, waren die Trauer und das Weinen. Diese haben leider auch wir alle, seine Nachkommen, als Erbe empfangen. Diese Frucht unseres Unglücks hat auch unser Herr gekostet, obwohl Er nicht Seiner Selbst wegen weinte, sondern unserer Verderbtheit und Erbärmlichkeit wegen. 

Das erste mithin, was uns das Tal der Tränen beschert hat als sein eigentliches Produkt, ist die Trauer und das Weinen. Ich glaube nicht, dass je ein Mensch geboren wurde, der nicht dieser Frucht teilhaftig geworden ist. Dieses Gift unserer eigenen Straffälligkeit können wir jedoch mit Hilfe der Metanie auf vortreffliche Weise in eine rettende Arznei verwandeln, sodass wir selig gepriesen werden. Ohne Zweifel sind alle Bewohner der Erde  Trauernde und Weinende,  doch nur jene, die gewandet sind in Glauben und Metanie, werden selig gepriesen.  

Anlaß und Ursache der Trauer ist die Empfindung unserer Schuldigkeit und Sündhaftigkeit sowie all das, was zeigt, wie erbärmlich unser Charakter absticht von  unserer göttlichen Bestimmung. Die Übertretung des Gebots, die Nichterfüllung unserer Bestimmung, aber auch die Drohung der unbestechlichen göttlichen Gerechtigkeit verwunden das Gewissen und in der Folge auch das Herz. Indem so das Herz bedrückt wird, entsteht die Trauer, der Zustand des Trauerns. Fügen wir dem das Gebet und den Selbsttadel hinzu, die beide als unerläßlich betrachtet werden, beginnen die Tränen zu fließen. Das bisherige Gift der Selbstliebe verwandelt sich in rettende Arznei, wird zur Therapie, und der Gläubige erlangt die Seligpreisung: "Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden" (Mt 5,4). 

Jeder Zustand von Betrübnis, der aus dem Wirken der Metanie entsteht, ist nützlich, unabhängig davon, ob darauf Trauer und Tränen folgen oder nicht.  Doch die eigene Erfahrung und unsere heiligen Väter lehren uns, dass Trauer und Weinen unmöglich fehlen können bei denen, die beharrlich sind in ihrer Metanie, und insbesondere bei denen, die die Liebe Gottes und Seine väterliche Fürsorge in ihrem Leben gekostet haben. 

Während die Genauigkeit in der Metanie und in der Gottesfurcht zusammen mit einem möglichst strengen Lebensprogramm die Trauer hervorruft und erhält, wird diese umgekehrt zerstreut durch ein Leben in Unachtsamkeit und Überschwenglich-keit, besonders aber durch die Verletzung der Enthaltsamkeit,  welche geistige Dürre und inneres Absterben bewirken.  

Das Wichtigste zur Bewahrung der Trauer ist der kämpferische Geist, die Liebe zur Anstrengung  in allen Dingen, was ja auch der Sinn des Kreuzes ist, und dies ist der Grund, warum unsere Väter, als Träger der Metanie, dieselben niemals vernachlässigten in ihrem Leben. Oftmals gaben sie sich sogar Kämpfen hin, die uns übertrieben scheinen. Doch was ist  "das enge Tor und der mühselige Pfad" (s. Mt 7,14), der ins Leben führt, wenn nicht  Kampf und Anstrengung in allem? Und zu Recht wurde gesagt, dass "nur wenige ihn finden" (ebenda).
 
 

6. Was ist Glaube?
 
laube ist die Beziehung zwischen der Schöpfung und Gott, ihrem Schöpfer, sowie das Mittel, durch das sie in Kontakt tritt mit Seiner allrettenden Fürsorge. Vermittels des Glaubens hat Gott Sich Seiner Schöpfung offenbart und durch den Glauben erkannte die Natur ihre Bestimmung, erkannte insbesondere der Mensch seine Bestimmung. Haben wir nicht auch durch den Glauben die göttliche Barmherzigkeit erkannt, die uns zur Wiedererschaffung und Rettung führt? 

Nach dem Sturz wurde die menschliche Natur von allem Guten entblößt und der Verderbnis und dem Tod unterworfen. Ohne den Glauben hätte sie sich niemals wieder aufrichten können. Zur Tröstung und zur Therapie blieb uns kein einziges Mittel mehr übrig außer der gläubigen Beziehung zum Schöpfer. 

Denjenigen, Den wir verleugnet haben durch den Ungehorsam, rufen wir wiederum zurück durch den Glauben. Durch den Glauben auch rufen wir die allmächtige göttliche Gnade zurück in uns selbst und in unsere Umwelt, sodass wir uns wieder auf unsere Füße stellen und voranschreiten können. Unglaube ist Verleugnung durch die Tat. Glaube ist Bekenntnis, welches Stabilität bewirkt, und nur durch diese wird die Ordnung wiederhergestellt. 

Nach dem Apostel Paulus ist der Glaube "die Wirklichkeit dessen, was wir erhoffen, Beweis von Dingen, die wir nicht sehen" (Hebr 11,1). Glaube ist das Anerkennen von Dingen, die wir nicht zu erforschen vermögen und die wir nicht vergleichen können mit irgendetwas aus unserer Erfahrungswelt. Kraft des Glaubens anerkennen wir die Dinge und Sinngehalte, die über der Natur sind, und auch Gott Selbst, Der erkannt wird vermittels Seiner Energien. Kraft des Glaubens erwarten und erhoffen wir die göttlichen Verheißungen, die unsere ganze Bestimmung sind und unser ganzes Ziel sowie alle unsere Erwartung.  

Auf das Fundament dieses Glaubens stellt der Apostel Paulus alle Kämpfe und Siegeskränze der Heiligen. Der Glaube schenkt auch uns, die wir heute kämpfen, die Hoffnung und Zuversicht. Folglich ist der Glaube das allumfassende Mittel und Element, das uns mit der Zukunft und unserer wahren Heimat verbindet.  "Abraham glaubte Gott, und es wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet" (Röm 4,3). Das "ohne Mich vermögt  ihr nichts zu tun" (Joh 15,5) und das "alles vermag ich durch Ihn" (Phil 4,13) setzen beide unabdingbar den Glauben voraus, als Mittel des Kontakts mit Gott. 

Es gibt zwei Arten des Glaubens. Die eine bezieht sich auf den Glauben an die Wahrheiten der Kirche, die Dogmen. In unserer Antwort hier gehen wir nicht näher ein auf diese Art. Die andere Art ist das "Glauben kraft der Gottesschau", wie die Heiligen Väter. Solches Glauben ist es, das wir nötig haben, um Gleichgewicht und Standfestigkeit zu erlangen im Tal des Exils, in dem wir uns befinden.  

Die zusammenhaltende Kraft Gottes äußert sich als die göttliche Energie Seiner Vorsorge, durch welche Er alle Dinge bewahrt und zusammenhält. Diese göttliche Energie rufen wir an, wenn wir in irgendeiner Not sind, und wir glauben, dass wir erhört werden. Gott Selbst fordert uns auf, dies zu tun, sagt Er doch: "Alles, worum ihr mit Glauben bittet, werdet ihr empfangen" (Mt 21,22), und: "Wenn du zu glauben vermagst - alles ist möglich demjenigen, der glaubt" (Mk 9,23), und: "Dein Glaube hat dich gerettet" (Mt 9,22). Folglich ist der Glaube der absolut sichere Rettungsring in unserem Unglück, und keiner soll sich je trennen davon.  

Da wir mithin an die väterliche Fürsorge Gottes glauben, die sagt: "Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch aufgetan werden" (Mt 7,7), rufen wir sie mit Beharrlichkeit an und lösen durch den Glauben alles, was uns beschäftigt.
     
 
7. Wie verhält sich der Mut zum Glauben?
 
Wie vorhin gesagt, betont der Herr, dass "alles möglich ist demjenigen, der glaubt". Wem es an Mut fehlt im Kampf, den wir zu kämpfen haben, soll seinen Glauben tiefer aufreizen. Denn der Glaube ist die Quelle des Muts, und der Mut wiederum stützt den Glauben.  

Wir müssen näher eingehen auf den Mut, denn dieser ist die Kraft, die uns zu Taten anspornt. Durch den Glauben bekennen und anerkennen wir unsere künftige Wiederherstellung und Unsterblichkeit. Zusammen mit diesem sind aber auch unsere tätige Askese und unser tätiges Bekennen nötig.  

Bei den Schwierigkeiten, die uns plagen infolge unserer Schwächen und  unserer Veränderungen,[11] aber auch infolge der Manöver des Satans, der uns unermüdlich bekämpft, bleibt uns eine konkrete Waffe und wirksame Hilfe – der Mut. Dieser ist ein Produkt unseres Wesens als Person und spornt an zum Kampf und zur Wachsamkeit. Was uns betrifft, wir glauben, dass wir nicht allein sind, sondern bei Gott,  Der uns in Sein Heer berufen hat. Kraft unseres Willens faßten wir den Entschluß, uns dem göttlichen Willen unterzuordnen, dem wir gehorchen, was wir als unsere Pflicht betrachten. 

Eifer und Mut sind Werkzeuge des Willens und eine treibende Kraft. Weil der Teufel dies weiß, versucht er diese beiden abzutöten, indem er unsere Fehler und Verfehlungen als Vorwände benutzt. Als "Ankläger" rügt er die Übertretungen und schüchtert den Menschen ein mit Vorhaltungen wie: "Da sieh nur! Du bist ein  Gesetzesbrecher! Wiederum hast du versagt! Du taugst zu nichts! Warum versuchst du es noch, wo du doch unfähig bist?" 

Dieser ganze Zyklus der teuflischen Bosheit führt besonders bei Unerfahrenen zu Stagnation und Trägheit, die das Ergebnis der Entmutigung sind. Deshalb bedarf der Kämpfende großer Wachsamkeit,  damit er dem Ankläger Satan nicht auf den Leim geht und seinen geistigen Kampf unter trügerischen Vorwänden abwürgt.

Da der Kampf der Metanie tatsächlich  vielseitig ist und die Gegensätze von mancherlei Art, ist es nur natürlich, dass auf Grund der Leidenschaften und der schlechten Gewohnheiten Fehler passieren. In solchen Momenten präsentiert der Teufel Gott als harten Richter, sodass derjenige, der sich verfehlt hat, sich wirklich als Angeklagter und Verräter fühlt, Mut und Eifer verliert und  in Untätigkeit versinkt.

Unsere gottweisen Väter jedoch, die "den guten Kampf kämpften und bekränzt wurden", lehren uns kraft ihrer eigenen Erfahrung, wie die satanische Bosheit und Tücke zerschmettert wird. Wir hören auf, Gott als  Richter zu betrachten, wie  Ihn der Widersacher mit Hinterlist präsentiert, sondern betrachten Ihn als Vater und antworten dem Betrüger: "Hinter mich, Satan! Ich brauche keinen Ankläger. Vor Gott habe ich mich verfehlt, vor Gott auch habe ich mich zu verantworten, Der um meinetwillen Mensch geworden  ist, um mich als Sohn  anzunehmen, dich aber zu entmachten und zu zerschmettern. Niemals fürchte ich mich vor meinem Vater, noch auch verleugne oder verrate ich Ihn. Was mir Hindernisse in den Weg legt, ist meine eigene Unerfahrenheit und deine Bosheit. Diese wird Gott durch Seine Gnade niederwerfen, mich aber wird Er belohnen, denn dazu hat Er mich ausersehen."

Mit dem Gesagten zeigen wir die Art und Weise, wie der Kämpfer seinen Kampf führen soll, damit er nicht zurückweicht im Angesicht seiner Mängel oder wegen Ausrutschern, die passieren können.

Das Schlußergebnis der Metanie ist das Geschenk unserer gnadenhaften Vereinigung mit Gott dem Vater, die Vergöttlichung, so wie unser Herr sie beschreibt: "Du Vater in Mir und  Ich in Dir, damit auch sie eins seien in Uns" (Joh 17,21), und: "Ich will, dass dort, wo Ich bin, auch sie seien" (Joh 17,24).

Die endzeitliche Form und Stellung der Metanie ist, dass der an sie hingegebene Mensch, wie sehr er seiner Nachlässigkeit wegen auch gesunken sein mag, den rechten Glauben an Gott bewahrt und das christliche Bekenntnis nicht verleugnet. Die Tatsache allein, dass er das orthodoxe Bekenntnis zu Christus bewahrt und nicht verleugnet, bedeutet, dass er sich im Stand und am Ort der Metanie befindet. Gott bleibt bei ihm mit Seiner Gnade, im Warten auf sein Erwachen aus der Finsternis der Hoffnungslosigkeit.

Die göttliche Barmherzigkeit wertet diesen Stand als Bekenntnis, und infolgedessen  wird Gott, Der die Umkehr der Kranken und Schwachen will, den Menschen aufwecken, sofern er dieses Grundprinzip der Metanie "bis ans Ende" nicht verraten hat. Das Problem unserer Rettung ist nicht eine Frage der Versöhnung. Es ist eine Frage des Glaubens und des Bekennens Dessen, Der das Heil all denen schenkt, die auf Ihn vertrauen und Seiner unaussprechlichen Erbarmung und Menschenliebe harren.
 

8. Was ist das Gebet, und welches sind seine Kennzeichen
und seine Früchte?
 
Gebet ist das Hauptmittel der Vereinigung aller vernunftbegabten Wesen mit Gott, ihrem Schöpfer. Nach ihrer Wiederherstellung wird es ihr einziges Werk und ihre einzige Aufgabe sein. Gebet ist der unmittelbare Kontakt und die fortwährende Kommunion von Engeln und Menschen mit Gott. Gebet bedeutet unseren Auszug aus dem Gefängnis unseres Lehms zur Unendlichkeit. Gebet ist das Mittel, das uns hinausführt aus unseren nichtigen Begrenzungen in die Empfindung des Unendlichen und Übernatürlichen.
      Zeit und Raum, Ort und Methoden sind aufgehoben, und die Energien der göttlichen Eigenschaften werden spürbar. Im Versuch, die Natur und das Wesen dieses übernatürlichen Werts zu beschreiben, erkennen wir, dass dies etwas ist, das unsere Kräfte übersteigt. Deshalb begnügen wir uns mit der Beschreibung der Energien seiner Ergebnisse.

Die Erhabenheit dieser "göttlichen Spendung" an die geschaffenen Wesen  ist solcherart, dass ihr Spender Selbst davon Gebrauch machte, als Er Teilhaber wurde an unserer materiellen Welt. Der Evangelist Lukas berichtet von unserem Herrn, dass Er "die Nacht durchwachte im Gebet zu Gott" (Lk 6,12). Bald benutzte Er das Gebet als Lobpreisung, bald als Bitte oder Danksagung oder Fürsprache bei Seinem Vater, dem Urheber des Lichts, und zeigte so die Unerläßlichkeit und essentielle Bedeutung dieses überragenden Werts, des Gebets. "Vater, Ich danke Dir, dass Du Mich erhört hast" (Joh 11,41). "Heiliger Vater, bewahre sie in Deinem Namen.... die Du Mir gabst, behütete Ich, und keiner von ihnen ging ins Verderben,  außer dem Sohn des Verderbens.... nicht für sie nur bitte Ich, sondern auch für jene, die an Mich glauben werden durch ihr Wort" (Joh 17,11-12, 17,20). Doch das größte und ergreifendste Beispiel ist das Gebet von Gethsemane, wo Er den Vater dreimal anrief, als Er in Tat und Wahrheit die vollständige Heilung der ganzen Welt schulterte.

Wohin wir unsere Aufmerksamkeit auch wenden, von der Grundlegung der ganzen Schöpfung bis heute, finden wir alles verwoben mit dem Gebet. Das Gebet ist das, was alle Geschöpfe verbindet und vereint mit Gott dem Schöpfer, die Kraft, die ihr Sein verlängert ins Endlose. Dieser überragende Wert, das Gebet, ist so innig vereint mit den vernunftbegabten Wesen, dass es von selbst, automatisch, zu wirken beginnt, sobald die Not es erfordert, geradeso wie sich die Glieder zur Stunde der Gefahr unwillkürlich, ohne Überlegung, bewegen. 

Das Gebet ist das vollkommenste Organ und Ding, das den Geschöpfen – und insbesondere dem Menschen – die Möglichkeit gibt, wirklich mit ihrem Schöpfer zu kommunizieren. Vermittels des Gebets kann der Mensch um alles bitten, wessen er bedarf, und es empfangen, er kann die von der göttlichen Gerechtigkeit verhängte Strafe umwandeln, die Hinzufügung göttlichen Segens vermehren, Gewißheit erlangen über das, was er nicht weiß, den Mitmenschen seinen Beistand zukommen lassen, indem er Gott anfleht darum, und, allgemein gesagt, Anteil empfangen an unzähligen Eigenschaften Gottes, unseres Vaters.

Doch es ist unmöglich, die Errungenschaften und Verdienste dieser allumfassenden Tugend, die Gebet genannt wird, zu umschreiben. Deshalb kommt, ihr alle,  "die ihr mühselig seid und beladen" (Mt 11,28), die ihr in diesem Land des Exils wohnt, werft euch in die Arme der Mutter aller Tugenden, des Gebets, und sie wird euch erquicken, mehr als ihr es erwartet oder gesucht hattet.
 
 
9. Was ist das innere Gebet und warum nennt man es so?
Wie wird es erlangt?
 
Das Gebet ist zwar in seiner Natur ein einziges, doch es äußert sich auf verschiedene Arten und in verschiedenen Formen, wie die Geschichte zeigt. Diese allumfassende Tugend wird auch mit verschiedenen Namen benannt, die jedoch stets dieselbe Bedeutung haben. Gebet ist die allgemeine Bezeichnung. Je nach dem Zweck und der Art und Weise, wie es sich ausdrückt, nennt man es Segensgebet, Bittgebet, Anflehung, Fürbitte, Anrufung oder auch Stoßgebet,[12] wenn der Anlaß, aus dem es erfolgt, von höchster Dringlichkeit ist.

In unserem gegenwärtigen Exil ist das Gebet nicht nur unerläßlich,  sondern auch geboten, denn unser Herr bestätigt uns:  "Ohne Mich vermögt ihr nichts zu tun" (Joh 15,5). Die Zusammenarbeit mit Ihm aber kann nur das Gebet gewährleisten, gemäß dem Wort: "Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch aufgetan werden" (Mt 7,7).

Die verschiedenen Arten des Gebets lehren uns unsere Heiligen Väter, denn sie waren echte Arbeiter des Gebets und Träger seiner Gaben und Charismen. Jede Hinwendung und Erhebung des Geistes zu Gott ist Gebet. Je ruhiger und aufmerksamer dies geschieht, desto mehr Früchte bringt es.

Die praktischste Art des Gebets,[13] die beim Plerom der orthodoxen Christen vorherrscht, ist die Psalmodie in den heiligen Kirchen, mit Hilfe der besonderen liturgischen Bücher. Eine andere Art des Gebets ist jenes, das "in der Einsamkeit" vollzogen wird von zwei oder drei zusammen, anhand von Gebeten verschiedener Heiliger Väter oder Psalmen Davids.[14]  Noch eine andere, ebenfalls praktische Art ist das Gebet in der Einsamkeit, mit Konzentration und Aufmerksamkeit, bei dem der Betende mit Zerknirschung seine Sünden bekennt und durch beharrliches Flehen das menschenliebende Erbarmen unseres Herrn erzwingt. Noch eine andere Art ist die Methode der Wendung nach innen, welche unsere heiligen Mönchsväter anwandten und lehrten und bei welcher der Geist ohne Ablenkung im Herzen festgehalten wird mit Hilfe des sogenannten Ein-Satz-Gebets,[15] des "Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner".

Der Apostel Paulus als erster belehrt uns darüber, dass die Rettung unmöglich ist ohne den Glauben und ohne die Anrufung des rettenden Namens unseres Herrn Jesus Christus, des Sohnes Gottes. Mit dem Ein-Satz-Gebet bitten wir um die göttliche Hilfe und übergeben uns selbst an Christus. Wir bekennen, wie Petrus, dass der Herr Sohn Gottes ist. In dem Gebet wirkt der Heilige Geist, denn "keiner kann sagen 'Herr Jesus', außer im Heiligen Geist" (1 Kor 12,3).

Das Unterfangen des Gebets ist mühsam, weil der Geist gefangen ist von vielen und schlechten Gewohnheiten, die nicht leicht weichen, weshalb Beharrlichkeit und Gewalt notwendig sind. Aus diesem Grund sagt der Apostel Paulus: "Seid beharrlich im Gebet" (Kol 4,2; Röm 12,12). Beharrlich sein bedeutet, dass man nicht abläßt, dass man fortfährt. In diesem Beharren kommt es oftmals zu verschiedenen kleinen Zwischenfällen, sei es infolge Ermüdung, sei es infolge mangelnder Gewohnheit, sei es wegen der Einmischung des Teufels. Diesen Dingen sollen wir keine Bedeutung beimessen, denn der Zweck, das angestrebte Ziel ist Christus Selbst, unser Leben.

Während des beharrlichen Anrufens des allheiligen Namens "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner" mag einer das Gefühl haben, sein Nacken schmerze oder sein Kopf.  Dies rührt vom Neid des Satans, der darauf abzielt, unser Bemühen zu hintertreiben, und deshalb achten wir nicht darauf. Das "betet ohne Unterlaß" (1 Kor 5,17) ist eine Angelegenheit des Gebots, und wir wissen: "Die Gebote des Herrn sind nicht schwer" (1 Joh 5,3). Wie sonst werden wir je konkret die Wahrheit der Worte unseres Herrn erfahren: "ohne Mich vermögt ihr nichts zu tun" (Joh 15,5) und: "Ruf Mich an am Tag der Bedrängnis, und Ich werde dich befreien" (Ps 49,15)?

Die erfahrenen Väter lehren uns, dass wir zu einer Zeit alle Worte des Gebets sagen sollen, zu einer anderen aber, besonders am Anfang, auf Grund der Unfähigkeit unseres Geistes, mehr Worte zu behalten, nur: "Jesus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner". Doch sollen wir die Worte des Gebets nicht oft wechseln und es einmal so, einmal anders sagen, denn solches führt nicht zu einer guten Gewöhnung. Das Gebet sagen wir zuweilen mit dem Mund, hörbar, mit leiser Stimme oder flüsternd, damit der Geist sich leichter zurückhält vom Abschweifen und von der Ablenkung durch die umgebende Wirrsal, und zuweilen innerlich, mit dem Geist. Beide Arten sind unerläßlich und nutzbringend.

Indem sich einer zwingt, seinen Vorsatz einzuhalten, wird die Energie der Gnade aktiviert, sodass es dem Geist leichter fällt, sich zu sammeln. Mit zunehmender Gewöhnung fällt ihm das Beharren leichter, er empfängt die Tröstung der Gnade, erlangt die Empfindung der göttlichen Hilfe und setzt sein Werk mit Mut fort. Nachdem er auf Grund seines Beharrens die göttliche Tröstung gekostet hat, bewahrt er das Gebet von selbst, in seinem Innern, ohne dass das Flüstern der Stimme noch notwendig wäre, und betet fortan müheloser, denn die Gnade hat ihn befreit von der Tyrannei der Abschweifung. Wenn er in solcher Weise fortfährt mit Beten, empfängt er die göttliche Erleuchtung,  erlangt Kontrolle über die Gedanken und wird fähig, die Angriffe der Unvernunft abzuwehren, das heißt des gesamten Systems des alten Menschen. Dann wird ihm die Gnade das Reich Gottes offenbaren, das in uns ist, wie unser Herr gelehrt hat: "Das Reich Gottes ist in euch selbst" (Lk 17,21). Diese Art des Ein-Satz-Gebets, so angewandt und praktiziert, ist und heißt inneres Gebet.[16]

Wird dieses Werk beharrlich, ohne Unterbrechung oder Nachlässigkeit fortgesetzt, bleibt die göttliche Gnade fortan ständig im Geist und im Herzen des Kämpfers. Von nun an ist keine Anstrengung mehr notwendig, denn das Gebet geht ununterbrochen von alleine weiter, sogar noch während des Schlafs. Zu keiner Zeit hört der Kämpfer auf, Gott im Gebet zu bitten "mit unaussprechlichen Seufzern" (Röm 8,26), nicht nur für sich selbst, sondern für jeden Bedrängten und Leidenden und allgemein für die ganze Gemeinschaft der Menschen. Ohne sich besonders darum bemühen zu müssen, ist er in Kommunion mit dem Leid der ganzen Menschheit, er "weint mit den Weinenden und frohlockt  mit den Frohlockenden" (Röm 12,15).

Das Ein-Satz-Gebet kann praktiziert werden an jedem Ort, zu jeder Zeit, unter jedwelchen Umständen und im Rahmen jedwelcher  Form unseres gemeinschaftlichen oder abgesonderten Lebens.

Dieses Gebet ist nicht verboten für die Menschen, die in der Welt leben, wie einige behaupten, obwohl es mehr praktiziert wird von den Mönchen. Jeder, wo immer und in welchem Stand er sich befindet, kann in seinem Innern den Namen Christi anrufen und Umgang haben mit Ihm. Ich fordere eure Liebe heraus: Versucht es, und sehr bald werdet ihr die Früchte dieses Werkes kosten. Der Name unseres Herrn ist nicht ein bloßes Wort. Er ist Kraft, er ist Energie, er ist Auferstehung und Leben!

Wer mit Hilfe der Gnade Gottes beschließt, sich diesem Werk zu widmen, lasse sich nicht übermannen von Kleinmut, Überdruß oder Zweifeln, und sein Lohn wird groß sein. Nicht nur im Himmel, sondern auch hienieden wird er Nutzen finden. Es ist unmöglich, dass unser Herr, Der "für uns starb, als wir noch Sünder waren" (Röm 5,8), uns übersieht, wenn wir Ihn so beharrlich anrufen, damit Er uns schenke, was Er uns versprochen hat. Wenn der Herr die Dämonen erhörte, als sie Ihn baten, Er möge sie nicht in den Abgrund schicken, wenn Er den gottfeindlichen Pharao, der Sein Volk unterdrückt hatte, von den Plagen befreite, wird Er da nicht auch uns erhören, die wir Ihn unablässig anrufen, soweit wie es uns möglich ist? Möge daher das Gebet als unabdingbare Pflicht auch in uns Kranken und Schwachen beginnen und verbleiben, und wir werden "weitaus mehr empfangen, als wir erbitten und ersinnen", wie die Schrift sagt  (Eph 3,20).
 
 
 
 
10. Was ist die "lobenswerte Schamlosigkeit"?
 
Lobenswerte Schamlosigkeit findet man selten. Nur in außergewöhnlichen Fällen großer Achtsamkeit und Selbstaufopferung. In diesen Fällen ist es möglich, dass sie hingenommen wird, und zwar auf Grund des Großmuts des Herausgeforderten.

Schamlosigkeit bedeutet, wie das Wort besagt, Niedertreten der Scham, und im vorliegenden Zusammenhang die beharrliche Forderung, die Gesetzesübertretung hin-zunehmen: "Ja, gewiß, ich stelle mich dem Rechtsvollzug entgegen, doch ich will, dass du mich erhörst!" Diese lobenswerte Forderung dürfen nur mitfühlende und erbarmungsvolle Helden stellen.

Das "Opfer" unserer eigenen Schamlosigkeit und Beharrlichkeit ist unser Herr und Erlöser, Jesus Christus. Und siehe, durch sie beugen wir Seine Barmherzigkeit und bewegen Ihn zur Widerrufung Seiner ursprünglichen Sentenz: "Ja, Herr, ich bekenne meine Schuld. Meine eigene Erbärmlichkeit und Nachlässigkeit sind schuld an meinen Irrungen und Verfehlungen. Doch ich bereue sie und werfe mich nieder vor Dir und flehe Dich an und bitte Dich. Erlaß mir meine Schuld, ich habe gesündigt, vergib mir, rechne mir meine Schuld und Übertretung nicht an. Übergib mich nicht der gebührenden Züchtigung und Bestrafung, die ich verdiene. Gewähre mir Dein Erbarmen und beschütze mich, damit ich Dich nicht abermals versuche und erzürne."

Von dieser "lobenswerten Schamlosigkeit" sollen wir Gebrauch machen, wie die Witwe, von der unser Herr zeigt, wie sie mit ihren fortgesetzten Belästigungen den gleichgültigen Richter nötigte, sich ihr zuzuwenden und ihr Recht zu verschaffen (s. Lk 18,1ff).
 

11. Wie erkennt der Mensch den Willen Gottes?
 
Indem er ihn beharrlich sucht und seinen eigenen Willen verleugnet. Diese Verleugnung zeigte uns der Herr mit Seinem gänzlichen Gehorsam gegenüber dem Himmlischen Vater.

Gott handelt nicht mit Leidenschaft oder Irrtum, Hinterlist, Unwissenheit oder Schwäche. Als Derjenige, "Der alles weiß, bevor es geschieht", bringt Er  Seinen Willen unfehlbar zum Ausdruck, zum Zusammenhalt und zur Sicherheit der Geschöpfe, sei es einiger, sei es aller, je nach der jeweiligen Situation.

In ihrer unvollkommenen, vergänglichen und dem Wechsel unterworfenen Natur geraten die Geschöpfe in Widerspruch zum göttlichen Willen, denn oftmals stimmt dieser letztere nicht mit ihren jeweiligen Interessen und Zielsetzungen überein. Die Geschöpfe insgesamt sind,  als geschaffene Wesen, außerstand, von alleine zum Besseren zu gelangen, zur Vollkommenheit, ohne die zusammenhaltende Kraft des Schöpfers.

Diese tätige göttliche Vorsorge ist ihrer Natur nach vollkommen, stammt sie doch vom allvollkommenen Gott. Sie ist das, was wir als Willen Gottes bezeichnen. Doch auf Grund der Verderbtheit und des Wechsels, denen wir uns unterwarfen, wandelt sich der göttliche Wille und verlagert sich in den Bereich der "Ökonomie". Nicht dass er je aufgehoben würde, sondern er wandelt sich, wie wir sagten, auf Grund unserer Schwäche, und dies solange, bis er uns ins Gleichgewicht zurückgebracht hat.

Der Wille Gottes, Sein Wohlgefallen hinsichtlich unserer vernunftbegabten Natur ist, "dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen" (1 Tim 2,4). Doch die menschliche Gleichgültigkeit, Schwäche oder Unwissenheit ruft im göttlichen Willen eine Wandlung hervor. Dies bewirkt in den Unerfahrenen und Unwissenden eine gewisse Verstimmung und Entmutigung. Doch da der göttliche Willen unfehlbar und vollkommen ist, sind uns keinerlei  Verstimmung, Murren oder Zurückweichen gestattet. Vielmehr nötigt uns dies zum Aufspüren unseres eigenen Fehlers und zur gläubigen Unterordnung unter die göttliche Vorsorge.

Wenn "kein einziges Jota und kein einziger Strich vergehen wird"  (Mt 5,18) und wenn "alle Haare eures Hauptes gezählt sind" (Mt 10,30), welches Aufbegehren wäre erlaubt in Anbetracht der offenkundigen Anomalien unserer Erbärmlichkeit? Wie der Apostel Paulus es ausdrückt: "Im Geist habt ihr angefangen und wollt nun im Fleisch enden?" (Gal 3,3). Wir fassen unsere Entscheidungen und Pläne auf Grund unserer eigenen Urteile und Schlußfolgerungen, denn wir sehen nur soviel, wie unsere Gesichtsebene uns zu sehen erlaubt. Doch Gott, Der vorsorgt für Seine ganze Schöpfung, wird Seine Ratschlüsse nicht rückgängig machen, sondern Er wird die Wirkungsweise der Elemente, der Dinge, sogar noch der Personen ändern, damit das für alle Vorteilhafteste geschieht.

Ob wir entdecken, welches der göttliche Wille ist, hängt ab vom Grad unserer eigenen Bemühung, danach zu forschen, von der Verleugnung unserer eigenen Willens, der von Leidenschaften beherrscht, unvollkommen und parteiisch ist, sowie davon, ob wir den Rat der Kirche einholen: "Frag deinen Vater, und er wird es dir verkünden, deine Ältesten, und sie werden es dir sagen" (Deut 32,7).

Das gesunde Gewissen und die Entschlossenheit,  mit Genauigkeit zu halten, was wir entschieden und Gott versprochen haben – und nichts entgeht Demjenigen, "Der die Herzen und die Nieren prüft" (Ps 7,9) –, verhelfen uns oftmals dazu, dass uns der göttliche Wille offenbart wird, denn diese beiden ziehen das göttliche Erbarmen an. Auch die Gottesfurcht, das Mitgefühl und die tätige Barmherzigkeit  sind Gott überaus wohlgefällig, und nie verbirgt Er Seinen Willen vor denen, die sich der tätigen Liebe hingeben, die auch Ihn Selbst kennzeichnet.

Der Mensch tut gut daran, zu unterlassen, von Gott zu verlangen, dass Er ihm Seinen Willen durch wahrnehmbare Zeichen offenbare, so wie es einige tun, denn auf Grund solchen Hochmuts kann es sein, dass der Satan uns lügenhafte und trügerische Offenbarungen vorgaukelt.
 

12. Welches sind die Merkmale des einsichtigen Menschen?
 
Die Merkmale des einsichtigen Menschen sind die Freiheit von jedem vernunftwidrigen Gefühl, von jeder leidenschaftlichen Neigung und Regung. Dies erlaubt ihm, die Gedanken unter Kontrolle zu halten und zu beherrschen, woraus der rechte und untadelige Gebrauch der Dinge folgt.

Weitere Merkmale sind das sanfte und milde Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen, und was ihn selbst betrifft, die demütige Gesinnung. Ferner das Mitgefühl, die Barmherzigkeit, das Wohltun gegenüber allen und die Standhaftigkeit des Willens in den Entschlüssen, die er gefaßt hat, im Gegensatz zum vorhergehenden Zustand der Wechselhaftigkeit.

Die genaueste Beschreibung des vollkommenen menschlichen Charakters oder besser gesagt der vollkommenen menschlichen Person ist dies: sie ist das genaue Abbild des Prototyps, unseres Herrn, denn Er allein hat die Vollkommenheit in unsere Natur zurückgebracht. Dies haben unleugbar all jene bewiesen, die zu Christus gehören, das heißt jene, die kraft der Gnade "das Bild des Himmlischen" (1 Kor 15,49) angezogen haben und in denen,  wie der Apostel sagt, "das Sterbliche verschlungen worden ist vom Leben" (2 Kor 5,4).

Doch hier müssen wir betonen, dass es ohne die göttliche Gnade für den gefallenen und zerbrochenen Menschen unmöglich ist, zurückzuerlangen, was er verloren hat.
 

13.  Warum pocht die Gnade Gottes zuweilen
an die Tür von gleichgültigen und nachlässigen Menschen?
 
Die menschenfreundliche Heilsökonomie Gottes, die "will, dass alle Menschen gerettet werden" (1 Tim 2,4), bietet Gelegenheiten zum Aufwachen. Sie bewahrt auch vor der Gefahr, die aus der Unachtsamkeit und Unsittlichkeit des Menschen erwächst. Leider bleiben etliche uneinsichtig, und für diese bleibt die Strafe unverändert bestehen. Die meisten aber finden Nutzen und werden sogar zu Hieraposteln der Menschenliebe Gottes für andere, die dieselbe nicht kennen.

Oftmals versuchten Übeltäter selbst an Orten, die Gott geweiht sind, Verbrechen zu begehen. Doch ein Wunder hinderte sie daran, und statt Böses zu tun, wurden sie zum Glauben hingezogen. Sie änderten ihre Lebensweise, und das, was die Vernunft und die Menschlichkeit nicht zu tun vermochten, tat die menschenfreundliche Heilsökonomie Gottes mit der Liebe, statt mit dem Drohen.

Dies geschieht zuweilen auch durch das Gebet tugendreicher Menschen, die beten, damit Gott solche Übeltäter erleuchten möge, sodass sie die Wahrheit erkennen, denn von sich aus sind sie in die Täuschung gefallen. Hin und wieder geschieht dies, weil sie im Himmel irgendeinen tugendhaften Verwandten haben, der Fürbitte einlegt für sie bei Gott, gemäß dem Schriftwort: "Selig derjenige, der Nachkommen hat in Zion und Verwandte  in Jerusalem" (Is 31,9).

Wie dem auch sei, es ist das Werk der grenzenlosen Menschenliebe Gottes, Der die menschliche Gefühllosigkeit geduldig zum Erwachen und zur Berichtigung ruft. Besser aber ist, wenn der Mensch von sich aus für seine Berichtigung sorgt, statt auf  ungewisse göttliche Eingriffe zu warten.
 

14. Was ist die Einfachheit "in Christus"?
 
Es ist schwer, über diese Tugend, besser gesagt über diese Gottgestaltigkeit zu sprechen, über die nur jene etwas Gültiges sagen können, die sie errungen haben und erfahren. O selige Einfachheit,  Gewand und Leib der Leidenschaftslosigkeit und der Vollkommenheit, Stätte von Gottes Wohlgefallen, wo Er Wohnung genommen hat!

Über diese Einfachheit sprach unser Herr, und Er suchte sie bei den Menschen, doch Er fand sie nur bei den kleinen Kindern, die arglos und einfach sind. Und Er hat uns gedroht, sozusagen, dass wir nicht angenommen würden in Seinem Reich, wenn wir nicht diese Tugend erwerben in unserem Leben hienieden. 

Alle Eigenschaften der Liebe, so wie der Apostel Paulus sie beschreibt, sind durchtränkt von der Einfachheit. Sie war dem Menschen vor dem Sturz zu eigen, innigst verbunden mit seiner ganzen Existenz, und deshalb auch war er gänzlich frei von Bosheit, Eigennutz, Opportunismus und Überheblichkeit, vom Unheil und Fluch des Egoismus.

Wer die Einfachheit sucht und sie erlangen will, der fange damit an, dass er in sich selbst rasch und mutig den Fluch des Egoismus und das gesamte System des Eigennutzes und der Selbstgefälligkeit entwurzelt, die Finsternis der Bosheit und was damit zusammenhängt, und sich von ganzem Herzen dem Glauben an Gott übergibt. Und Er für Seinen Teil wird für uns sorgen und uns tragen. Er wird uns sogar noch die Kraft schenken, die Heuchelei zu besiegen, die Verstellung, das Vorschieben bloßer Formen, jene elenden Laster, die uns tagtäglich bedrohen.
 
 
15. Was ist die Demut?
 
Die Antwort auf diese Frage übersteigt das menschliche Maß und die menschlichen Satzungen. Die Demut ist nicht einfach eine Tugend oder gute Tat, die den menschlichen Massen und Leistungen angehört. Sie ist eine Sache und ein Begriff  über der Natur, und nur die Erleuchtung der göttlichen Gnade vermag sie zu beschreiben.

Die Demut ist eine Abbildung und Form der göttlichen Eigenschaften. Zu Recht ist sie von solchen, die die Vergöttlichung erlangt haben,  als  göttliches Gewand und  "Gewand der Gottheit" bezeichnet worden.[17] Sie gilt als Voraussetzung der "Unbewegbarkeit" gegenüber den Leidenschaften, als Siegel der Vollkommenheit, Standort des Unwandelbaren und vieler anderer Eigenschaften, die zur göttlichen Allvollkommenheit gehören.

In allem, worin sich die göttliche Erhabenheit kundgibt, ist auch der Wohlgeruch der Demut gegenwärtig, und zu Recht steht geschrieben, dass "Gott den Demütigen Gnade schenkt" (Jak 4,6 / Spr 3,34). Der Sturz der menschlichen Natur rührte vom Einzug des Fluchs des Egoismus, der Lepra des Hochmuts, der Krankheit und des Todes Satans. Gerechtfertigterweise mithin "widersteht Gott den Hochmütigen" (ebenda), und wo Gott widersteht, Der das All in Händen hält, wer vermöchte sich Ihm entgegenzustellen?

In allen Kundgebungen und Eigenschaften der göttlichen Allherrschaft ist stets auch die Gestalt der Demut gegenwärtig und mitwirksam und besiegelt das Gesetz und das Wort mit der Unwandelbarkeit und Fülle des göttlichen Willens sowie der auf die Rettung aller bedachten göttlichen Vorsorge.  Beweis der Fülle dieser göttlichen Gestalt ist das, was der Herr Selbst offenbart hat, nämlich dass Er, Gott, "demütig ist von Herzen" und nicht nur äußerlich (Mt 11,29). Wenn nun Gott Selbst bekennt, dass Er "demütig ist von Herzen", bedeutet das nicht, dass die Demut das eigentliche Wesen auch jeder vernunftbegabten Person ist und folglich unserer Natur nicht fremd, sondern Essenz und Grundlage des wahren Lebens ist?

Wenn die eigene Falschmünzerei, so einer dieselbe in Demut bedenken will, die wunderbare und strahlende engelhafte Schönheit und Würde zerbrochen und zum Verschwinden gebracht  hat, bedeutet das nicht, dass die Demut Wesen und Essenz ist und nicht äußerliche Form oder Simulierung?

Hier also liegt die Lösung des Problems der allgemeinen Apostasie und des Sturzes der menschlichen Natur. Jeder Sturz, jedes Scheitern hat seinen Anfang und seine Wurzel im Abfall von der demütigen Gesinnung. Der Eigennutz, der Eigenwille, die Selbstgefälligkeit, das Beharren auf der eigenen Unabhängigkeit, der Ungehorsam, der Anarchismus und all die anderen Äußerungen der Egozentrik, der Ichbezogenheit,  bedeuten die Umwerfung der demütigen Gesinnung, in welcher Gott und der göttliche Wille wohnen.

Wenn Gott Selbst offenbart, dass Er in Seinem Wesen demütig ist, dann kann es nicht länger Gegenstand des Fragens sein, warum die Demut geboten ist zur Heilung der weltweiten Verderbtheit und Rückgewinnung des Gleichgewichts. Daher sollen meiner Meinung nach all jene, die  ihre eigene Schwäche und ihr Scheitern empfinden, ohne Verzug Zuflucht nehmen zur demütigen Gesinnung und zum entsprechenden Tun, damit sie das zurückerlangen, was sie verloren haben, statt umherzuirren in abstrakten und satanischen Ideologien, die den Tod gebären.

Die Millionen von Athleten des blutigen sowie des unblutigen Martyriums unserer kirchlichen Geschichte glänzten durch die Demut und bildeten damit unseren allgeliebten Erlöser ab. All jene, die zurückkehren wollen in die Himmlische Stadt, deren Architekt und Erbauer Gott ist, sollen sich mit Beständigkeit die seliggepriesene demütige Gesinnung zu eigen machen, die sie zu verwandeln und als Erben der Ewigkeit zu erweisen vermag.
 
 
16. Welches sind die praktischen Mittel,
die zur Demut führen?
 
Es ist allbekannt, dass gemäß den Naturgesetzen und –regeln die Kinder ihren Eltern gleichen. So müssen auch wir Christen, die wir  den Namen von der Wurzel, von unserem göttlichen Vater her haben, Dessen Wesensart erwerben. Wie Er Selbst erklärt hat, ist Er "sanft und demütig von Herzen" (Mt 11,29). Wer mithin die Wesensart verleugnet, muß auch den Namen verleugnen, und ich glaube, kein Gläubiger wird sich dazu herbeilassen. Dies also ist das wesentlichste Element, das uns nötigt, demütig zu sein!

Bei der Taufe gelobten wir gänzlichen Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen, doch erfüllt haben wir dieses Gelöbnis nie. Deshalb sind wir immerdar Wortbrüchige und stehen in Schuld. Wie oft entschlossen wir uns  zur Metanie und zur Selbstverleugnung, und machten es doch  nie zur Tat, der kleinen Anstrengung wegen, die dies erfordert, sondern fügten im Gegenteil Verfehlungen hinzu zu den Verfehlungen, auf Grund des Einflusses der verderbten Umwelt? Auf der anderen Seite, wie oft sahen wir Vorbilder reiner christlicher Lebensführung, die für uns Tadel waren und uns anspornten zur Berichtigung, und blieben wiederum unbewegt?

All das, doch auch das Gewissen, das nicht aufhört, uns anzuklagen, überzeugen sie uns nicht, dass wir uns tatsächlich kennzeichnen durch fortgesetzte Wortbrüchigkeit und Schäbigkeit und dass wir wirklich elend und niedrig sind? Ein wenig aufmerksame Betrachtung unseres Lebenswandels zeigt uns, wie tief wir gesunken, was für Verräter und Verleugner wir sind.
 
 
17. Was ist die Sanftmut und welches ist das "Land",
das die Sanftmütigen erben?
 
Die Sanftmut, als Charakterzug, ist eine Frucht der Energie des Heiligen Geistes. Ihre Quelle und Wurzel ist die Demut. Auch sie ist ein göttliches Kennzeichen, denn unser Herr, Der "demütig ist von Herzen", ist zugleich auch sanftmütig, und Er betont die Sanftmut sogar vor der Demut. Die Demut ist wie der Körper, die Sanftmut wie der Schatten des Körpers. Nie hat man gehört, dass ein Demütiger aufbrausend wäre oder ein Aufbrausender demütig.

Wenn wir die auf die Rettung aller bedachte Vorsorge Gottes für Seine Geschöpfe und besonders für den Menschen erforschen, werden wir feststellen, dass die konkrete Art, wie Gott mit diesen kommuniziert, die grenzenlose Sanftmut ist, wie sie die echte Vaterschaft kennzeichnet.

Ist es etwa nicht die Sanftmut Gottes, zusammen mit der göttlich erhabenen Unwandelbarkeit Seiner Demut, die Ihn die väterliche Aufsicht und Fürsorge für uns fortsetzen läßt, obwohl wir Seine Gebote ständig beiseiteschieben, Ihn herausfordern und erzürnen?

Die Natur und der Stand der Sanftmut ist das Fundament der Person. Zu Recht steht geschrieben, dass Gott "die Sanftmütigen Seine Wege lehrt" (Ps 24,9), und:  "Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben" (Mt 5,5).

Was ist wohl jenes Land, das der Schöpfer als Mitgift all denen verheißt, die ihren Charakter berichtigen? Dieses "Land" ist der Ort der göttlichen Verheißungen, und der Raum, in welchem sie enthalten sind, ist und heißt "das Land der Verheißung". Diese göttlichen Verheißungen, diese Gaben und Segnungen, hat Gott bereitgestellt "seit Grundlegung der Welt". Wir aber haben sie auf dem Götzenaltar der Dummheit geopfert, indem wir die Autonomie und den Ungehorsam vorzogen. Hätte die Menschenliebe Gottes unseres Vaters nicht unsere Neuschöpfung auf Sich genommen, wären wir im Ruin verblieben!

Gott, das wissen wir, ist Liebe, und "wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm" (1 Joh 4,16). Doch wie kann einer "in der Liebe" bleiben, wenn die Sanftmut fehlt und das ihr Entgegengesetzte vorherrscht, das heißt  Zorn,  Hass und die finstere Gestalt der Bosheit?

Wenn die Sanftmut fehlt in der Persönlichkeit des Menschen, herrschen Unruhe und Unsicherheit vor und das ganze Chaos der allgemeinen Verderbtheit. Ihr Endergebnis ist der Tod und die Unterwelt, wovor uns der Allgute Gebieter bewahren möge, um Seiner unaussprechlichen Menschenliebe willen!
 
 
18. Was ist die Barmherzigkeit,
    und wie wird sie geübt?
 
Die können wir das Gefäß der Liebe umschreiben, das Werkzeug und Mittel, durch welche Gott der Schöpfer mit Seinen Geschöpfen kommuniziert? Wie jene definieren, die sich selbst als Tochter Gottes und Verwalterin Seiner grenzenlosen Schätze bezeichnet hat?

Als der heilige Johannes der Barmherzige noch ein Jüngling war, überlegte er sich, wie er das Mitgefühl und die Barmherzigkeit in seinem Leben in die Tat umsetzen könnte. Da personifizierte sich jene allumfassende Tugend als wunderschöne Prinzessin und sagte zu ihm: "Ich bin die erste Tochter Gottes. Wer mich erwählt und liebt, den führe ich zu meinem Vater!" Das also ist die Barmherzigkeit, und wer wirklich die Beziehung und Gemeinschaft mit Gott, ihrem Vater, begehrt, der sorge dafür, dass er sie erwirbt, genauer gesagt, sie übt sein ganzes Leben lang.

Ist es vielleicht nicht sie, die Gott nötigte, die Schöpfung zu erschaffen, damit Er ihr von den göttlichen Schätzen Seiner allumfassenden Liebe schenken konnte? Welchen anderen Sinn hätten jene heiligen Worte der Schrift über den Sich jeder Umschreibung entziehenden und allguten Gott, nämlich dass Er "Seines eigenen Sohnes  nicht schonte, sondern Ihn hingab für uns alle" (Röm 8,32)? Welcher Geist, welcher Verstand, welche Zunge vermöchte diese Tat zu beschreiben oder auszudrücken? Eine so hohe Stellung hat die Barmherzigkeit  bei Gott, dass, wie offenbart wurde, "die Barmherzigkeit (Gottes) triumphieren wird über das Gericht"  (Jak 2,13)!

Hier ist ein Mittel zum Heil und zum Erlangen von Lohn! Hier ist ein vortreffliches und nützliches Maß! Hier ist eine höchst einfache,  zu jeder Zeit, überall und unter allen Umständen leicht anwendbare Methode! Zeit und Platz, aber auch die Kraft würden uns fehlen, wollten wir all die verschiedenen Arten und Weisen und Mittel schildern, mit denen diese seliggepriesene Tugend der Barmherzigkeit im langen Lauf ihrer Geschichte in die Tat umgesetzt worden ist, nicht nur zum Wohl unserer vernunftbegabten Natur, sondern auch zu jenem der vernunftlosen, denn "der Gerechte erbarmt sich auch der Seelen (d.h. des Lebens) seiner Tiere" (Spr 12,10).

O du selige Tochter des Königs der Himmel, die du sogar deinen eigenen Vater genötigt hast, Sich kreuzigen zu lassen, und zwar für jene, die Ihn verleugneten! Mit demselben göttlich erhabenen Mitgefühl nähere dich auch uns Hartherzigen und schenke uns etwas von den Merkmalen deiner selbst, damit wir dir so ähnlich werden, wie es möglich ist, wo du doch unseren Tod nicht willst!

Wie wir schon sagten, ist die Barmherzigkeit die tätige, die in die Tat umgesetzte Liebe, und deshalb läßt sie sich nicht beschränken auf einseitige Kundgebungen. Eines der Merkmale der Liebe, wie der Apostel Paulus sie umschreibt, ist, dass sie "nicht das Ihre sucht" (1 Kor 13,5), anders gesagt, dass sie uneigennützig ist. Deshalb muß auch ihr Ausdruck vermittels der Barmherzigkeit uneigennützig sein. Ihre Gaben sind, dass sie "sich nicht aufbläht, sich nicht ungehörig benimmt, das Böse nicht anrechnet" (ebenda), sondern "alles entschuldigt", mit Geduld erträgt, vergibt, hinnimmt, so wie ihr Vater, Gott Selbst.

Wenn die Barmherzigkeit mit solchen Erfahrungen und Neigungen praktiziert wird, wird sie zum leichtesten Mittel zur Verwirklichung unseres geistigen Ziels, unserer eigentlichen Bestimmung. Wenn wir ständig dem Weg der mitfühlenden Barmherzigkeit folgen, wie wäre es da möglich, dass wir in die Irrung des Unrechts fallen, der Abscheu, der Rache oder der Ausbeutung des Nächsten, sei es in materieller, sei es in ethischer Hinsicht, drängt uns doch die mitfühlende Barmherzigkeit dazu, bereit zu sein, "unsere Seelen hinzugeben für unsere Brüder" (1 Joh 3,16).

Die Barmherzigkeit unterliegt keinerlei örtlichen oder zeitlichen Grenzen, sondern sie tut ihre Pflicht der tätigen Liebe überall und spendet Trost wo und wann immer die Umstände es erfordern. Der zweifachen Natur des Menschen gemäß, der materiellen und der geistigen, wird die Barmherzigkeit "alles für alle " (1 Kor 9,22), indem sie so vielen wie nur möglich Gutes tut und ihnen das je Nötige verschafft.

Die allgemeine Auffassung beschränkt die Barmherzigkeit meist auf die materiellen Bedürfnisse der Menschen. Doch es gibt auch die geistigen und die ethischen Bedürfnisse, die ebenfalls des Beistands bedürfen. Die geistige Tröstung, seitens derjenigen, die imstand sind, sie zu gewähren, ist von großer Wichtigkeit, denn die Gefahr hier, wenn solche Tröstung nicht gewährt wird, ist seelischer Art und der Schaden immens.

Wir brauchen die Art und Weise, wie die selige Barmherzigkeit diese Gefahr  abwendet und ihren Trost gewährt, nicht in Einzelheiten zu beschreiben, denn sie ist überall und allen bekannt. Nur das sei hier beigefügt: Wir bitten diejenigen, die hierin die Verantwortung tragen, sie möchten dieser Diakonie den Vorrang einräumen, damit den schlimmen zuständen Einhalt geboten werde, wie sie leider in unserer Epoche immer mehr zunehmen.

Ist es etwa nicht ein Werk der Barmherzigkeit, die Gefahr abzuwenden, in der sich ein Unwissender oder Irregeführter befindet, wenn ihn die Umstände zum Selbstmord treiben, der ihn nicht nur sein gegenwärtiges Leben kosten wird, sondern auch das ewige, welches das Ziel und die Bestimmung der menschlichen Person ist? Wenn die ganze Welt den Wert einer einzigen Seele nicht aufzuwiegen vermag, wie groß ist dann das Verdienst dessen, der sich aufopfert, um zu verhindern dass eine Seele zum Opfer solcher Abirrung wird?

Im Leben unseres großen Heiligen Nikolaus finden wir ein Beispiel, das unser Thema hier hervorragend veranschaulicht. Ein wohlhabender Vater dreier Tüchter verarmte und geriet in eine verzweifelte Situation. Da überlegte er sich, seine Töchter dem Dirnengewerbe auszuliefern und sie so als Mittel zur Sicherung des Lebensunterhalts zu benutzen. Der Heilige aber kam dem zuvor, indem er insgeheim die Aussteuer lieferte für die drei Töchter, sodass alle heiraten konnten, eine nach der anderen. Damit verhinderte er ihre Verderbnis. Gibt es ein größeres und würdigeres Werk als jenes der Barmherzigkeit?

Die Rettung der Seele hat den Vorrang vor der Rettung des Körpers. Die körperliche Not ist deutlich sichtbar und wird von vielen wahrgenommen, und so wird sich jemand finden, um ihr abzuhelfen. Doch die seelische Not und Verwundung ist für die meisten unsichtbar und ihnen unbekannt.

Gottesfürchtige Hirten in der Geschichte unserer Kirche, Väter von geistiger Statur, große Asketen und strenge Bewahrer der Hesychia und der Askese, verliessen auf den Ruf der Barmherzigkeit hin nicht nur ihre persönliche Ruhe und ihr Programm, sondern opferten sich selbst auf, um unter vielen Anstrengungen und Risiken Seelen aus offenkundigen Gefahren zu retten. Oftmals gaben sie sich sogar zum Tausch hin für Menschen, die lebenslanger Sklaverei und Knechtschaft verfallen waren, um dieselben vor dem drohenden Verderben zu retten.
 
 
19. Warum werden tugendreiche Menschen, die Freunde Gottes sind,
verfolgt, und warum freuen sie sich, obwohl sie verfolgt werden?
     
Als Abbilder des Prototyps bilden sie ihren Anführer ab, Der zu ihnen sagt: "In der Welt werdet ihr Drangsal haben"  (Joh 16,33), und: "Ihr werdet gehaßt werden von allen um Meines Namens willen" (Mt 10,22), und: "Wenn sie Mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen" (Joh 15,20), und wiederum: "Ihr seid jene, die ausgeharrt haben mit Mir in Meinen Prüfungen" (Lk 22,28). Und in Seinem Hohepriesterlichen Gebet sagt Er: "Vater, Ich habe ihnen Dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehaßt" (Joh 17,14).

Aus alledem ist zu ersehen, dass "der Weg, der ins Leben führt, eng und mühselig ist und dass wenige ihn finden"  (Mt 7,14). Nicht nur gehen die Freunde Gottes den Schmähungen nicht aus dem Weg, sondern sie freuen sich sogar darüber, werden sie doch seliggepriesen als Athleten und Helden und Erben des Reiches ihres Vaters. "Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und lügnerisch alles Böse sagen gegen euch um Meinetwillen" (Mt 5,11).

Im Grunde erleidet alle Welt Verfolgung und Unrecht, doch sie freut sich nicht, sondern leidet vielmehr darunter und weint und klagt. Die Freude und Tröstung in der Drangsal und im Erleiden von Unrecht bewirkt nicht die Natur der Prüfungen und Versuchungen, sondern die Gnade Gottes, Die jene tröstet, die "mühselig und beladen" sind in ihrer Unterordnung unter den Willen Gottes, und sie tröstet sie  nicht nur im gegenwärtigen Leben, sondern auch in der Ewigkeit: "Freut euch und jubelt, denn groß ist euer Lohn in den Himmeln" (Mt 5,12).
     
 
20. Was sind die "Veränderungen"
im geistigen Leben?
 
Ein schlechter und tückischer Nachbar, besonders für die Ungefestigten und die Anfänger im geistigen Kampf, sind die Veränderungen[18] oder Wandlungen. Sie gleichen dem Wetter, das wechselhaft ist. Sie sind nicht beständig, sondern gehen vorüber. Sie dürfen uns nicht erschrecken, sodass wir uns abbringen lassen von der Bahn unseres Lebens. Nehmen wir uns ein Beispiel an den Seeleuten. Sie brechen nicht die Reise ab, weil das Meer gefährlich wird zur Stunde des Sturms. Sie lassen das Schiff ein wenig im Hafen vor Anker liegen und warten. Danach setzen sie ihre Reise fort, ohne sich weiter zu beschäftigen mit dem Sturm.

Veränderungen sind seit dem Sturz der Ersterschaffenen unser lebenslanges Los. Nach diesem Sturz verlor der Mensch seinen Stand als Person.[19] Er wurde zum Opfer
von äußeren Einflüssen und unterliegt daher Veränderungen. Nie bleibt er stabil an einem Standpunkt, einem Gefühl, einer Ansicht. Sein Charakter wird beeinflußt von Worten, Ideen, Dingen, Mitmenschen, von der Nahrung, vom Klima und allgemein von allem, was um ihn geschieht. Zu alledem kommen noch die böswilligen Einwirkungen der Dämonen, welche die Stabilität der Empfindungen untergraben.

Dieser ganze Wirrwarr von Veränderungen kühlt den Eifer ab und mindert die Bereitwilligkeit. Um dem entgegenzuwirken, sind Nichtbeachtung dieser Dinge und stärkeres Vertrauen in die göttliche Fürsorge nötig, ebenso gottbegeisterter Eifer und der Rat der Erfahrenen. Weil der Teufel weiß, dass unsere wichtigste Treibkraft der göttliche Eifer und die Bereitwilligkeit sind, bekämpft er eben diese, um uns zu entwaffnen und zu entmutigen.

Es gibt aber auch die Veränderungen, die von unseren eigenen Fehlern hervorgerufen werden, sooft wir die Gebote übertreten und die göttliche Gnade verlieren, die wir mit unserer Übertretung betrübt haben. Diese Veränderungen erfordern Reue und Demut, damit sie geheilt werden können. Hier sind Mannhaftigkeit sowie Achtsamkeit notwendig - und  nicht Angst -, damit die lobenswerte Anstrengung und der Eifer der Kämpfenden erhalten bleiben.
 
 
Quelle: www.prodromos-verlag.de


[1] Aus dem Buch Γέροντος Ιωσήφ Βατοπαιδινού, Συζητήσεις στον Άθωνα („Gespräche auf dem Athos“), Reihe Ψυχωφελή Βατοπαιδινά, Bd. 13, S. 89ff,  I. M. M. Vatopediou, Athos 2003/2005. Altvater Joseph von Vatopedi (1921-2009) war einer der Jünger von Altvater Joseph dem Hesychasten und ab 1987 bis zu seinem Hingang Beichtvater des Hl. Klosters Vatopedi. Zu seinen Jüngern gehören u.a. Altvater Ephrem, Higumen von Vatopedi, und Metropolit Athanasios von Lemessos (Zypern). Sein hinterlassenes Schrifttum umfaßt 14 Bände, darunter die ausführliche Biographie von Altvater Joseph dem Hesychasten, die in mehrere Sprachen übersetzt worden ist. Deutsche Übers. des vorliegenden Textes, Aufzeichnung eines Gesprächs mit Pilgern,  vom Kloster des Hl. Johannes des Vorläufers, Chania 2012.
[2] "Person" (gr. πρόσωπον)  bezeichnet in der Sprache der Hl. Väter den mit Gott verbundenen, auf Gott ausgerich-teten  Menschen, im Unterschied zu "Individuum" (gr.  άτομον) , was den von Gott entfremdeten,  auf sich selbst zentrierten, in sich selbst gefangenen Menschen bezeichnet.
[3] Griech. θεοειδεία.
[4] D.h. in unserer Person.
[5] Gr. μετάνοια, wörtl. Sinneswandel, Änderung der Gesinnung, des ganzen Lebens gemäß dem Willen Gottes, damit der Mensch seine göttliche Bestimmung verwirklichen kann. Die Metanie beinhaltet auch die Reue, d.h. das schmerzliche Bedauern der begangenen Sünden.
[6] Gr. νοῦς.
[7] Gr. πληροφορία.
[8] Gr. φιλοπονία.
[9] Siehe Fußnote 2.
[10] Gr. θεοείδεια.
[11] Siehe weiter unten, Kap. 20.
[12] Gr. ευχή, δέηση, ἱκεσία, παράκληση, ἔντευξη, κραυγή (wörtl. "Schrei").
[13] Gr. Ο πρακτικότερος τρόπος,  abgeleitet von πράξις, einem festen Begriff der Vätersprache, welcher die erste Phase des geistigen Lebens bezeichnet, wo die Betonung auf der konkreten, körperlichen Aktivität liegt.
[14] Der Altvater bezieht sich hier im besonderen auf die Kellienmönche und Kalyviten des Hl. Bergs.
[15] Gr. μονολóγιστη, das heißt aus einem einzigen Satz  bestehend. Im Westen als "Jesus-Gebet" bezeichnet.
[16] Gr. νοερά προσευχή.
 
[17] Siehe z.B. Abba Isaak der Syrer, Asketische Reden, Rede 20 (nach griech. Zählung).
[18] Gr. ἀλλοιώσεις.
[19] Siehe Fußnote 2.


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