Hl. Nikolaj Velimirović
Die Orthodoxe Kausalitätslehre [1]

Einer der grundlegenden dogmatischen Punkte, in denen sich unser orthodoxer Glaube unterscheidet von allen philosophischen Systemen und ebenso von mehreren heterodoxen Bekenntnissen, ist die Auffassung von der Kausalität, d.h. von den Ursachen.  

Außenstehende sind nur allzu rasch bereit, unseren Glauben als mystisch und unsere Kirche als Kirche der Mystiker zu bezeichnen. Von heterodoxen Theologen sind wir oft als solche getadelt worden, ebenso wie wir von den Atheisten als solche verspottet worden sind. Unsere gelehrten Theologen haben unseren Mystizismus weder je verneint noch bejaht, denn wir selbst haben uns nie als Mystiker bezeichnet. Deshalb hörten wir verwundert und schweigend zu, in der Erwartung, dass die Außenstehenden klar definieren würden, was sie unter unserem sogenannten Mystizismus verstehen. Sie definierten ihn als eine Art orientalischen Quietismus oder passive Versenkung in bloße Betrachtung der göttlichen Dinge. Was die Atheisten unserer Zeit betrifft, in Rußland, Jugoslawien und anderswo, so bezeichnen sie konsequent jedwelche Religion als Mystizismus, was für sie gleichbedeutend ist mit Aberglauben. Nachdem wir beide Seiten angehört haben, verwerfen wir beide Definitionen unseres orthodoxen Mystizismus, der weder Quietismus noch Aberglaube ist.  

Es trifft zwar zu, dass das Werk der inneren Betrachtung - allerdings nicht der Quietismus - einen respektablen Teil unseres geistigen Lebens ausmacht, doch dies ist nicht eine allgemeingültige Regel. Unter den großen Heiligen finden wir nicht nur Wüstenväter, die sich in der Einsamkeit der inneren Betrachtung hingaben, sondern auch viele Krieger, Mildtätige, Hierapostel, kirchliche Schriftsteller, kirchliche Künstler und andere Personen, die ein höchst aktives und hingebendes christliches Leben führten... Und was ist unsere Antwort an die Atheisten, die unseren mystischen Glauben als Aberglauben bezeichnen? Sie am wenigsten von allen haben das Recht, diesen als Aberglauben zu bezeichnen, denn indem sie Gott, die Seele und alle höheren Geistwesen leugnen, sind sie selbst Träger eines unbesonnenen und ruchlosen Aberglaubens geworden, wie es ihn nie zuvor gegeben hat in der Geschichte der Menschheit, zumindest nicht in solchem Ausmaß und mit solchem Fanatismus.  

Da jene, die von unserem Mystizismus reden, unfähig sind, eine befriedigende Erklärung dieses Begriffs zu geben, wollen wir selbst denselben untersuchen und ihnen von unserem Gesichtspunkt aus erklären, wie sie unseren sogenannten Mystizismus verstehen sollten. Unser religiöser Mystizismus ist nichts Nebelhaftes, Obskures oder Mystifiziertes. Es ist unsere klare und zeitlose Kausalitätslehre. Muß man diese Lehre unbedingt als einen Ismus
bezeichnen, so könnte man sie als "Personalismus" bezeichnen.
 

 

Personale Kausalität
 
Tagtäglich und überall reden die Menschen von Ursachen. Sie sagen: "Dies wird verursacht von dem und dem, und jenes von dem und dem." Das heißt: das unmittelbar vorangehende Ding oder Geschehnis oder Faktum oder Phänomen ist die Ursache des unmittelbar nachfolgenden. 

Dies ist wahrlich eine oberflächliche und kurzsichtige Auffassung von Kausalität. Wir wundern uns nicht über die Oberflächlichkeit unwissender Menschen, besonders der vielbeschäftigten Bewohner großer Städte, die wenig Zeit haben für tiefes und ruhiges Denken. Doch wir sind erstaunt, dieselbe Oberflächlichkeit auch bei gelehrten und philosophisch gesinnten Leuten zu finden, wie beispielsweise den Materialisten, Naturalisten[2] und selbst Deisten.[3] Und weil wir ihre Kausalitätstheorie als naiv und fatalistisch bezeichnen, bezeichnen sie uns als Mystiker.

Was uns betrifft, so betrachten wir all jene, seien sie ungebildet oder gelehrt, die an die Gewißheit natürlicher oder physischer Ursachen glauben, als Fatalisten. Sowohl der Naturalismus als auch der Materialismus lehrt einen blinden Fatalismus ohne die geringste Möglichkeit des Entkommens, ohne das kleinste Fenster für den Einlaß von Sonnenlicht.  

Wir orthodoxen Christen müssen diesem blinden Fatalismus widerstehen - wie es alle Christen tun sollten - und unsere Lehre von der vernunftbestimmten personalen Kausalität der Welt und in der Welt verteidigen. Diese Lehre besagt, dass alle Ursachen personal sind. Personal ist nicht nur die Erste Ursache der Welt - wie die Deisten meinen -, sondern personal sind alle Ursachen aller Dinge, aller Fakten, aller Geschehnisse und Veränderungen in der ganzen Welt. Wenn wir "personal" sagen, meinen wir vernunftbestimmt, bewusst und absichtsvoll. Ja, damit meinen wir, dass es persönliche Wesen  sind, die alles verursachen, besser besagt, die die Ursachen sind von allem. Das mithin ist, was "personal" bedeutet. 

Ich weiß, dass einige Heterodoxe zu dieser meiner ersten Erklärung bemerken werden: "Diese Lehre nehmt ihr wahrscheinlich von eurer umfangreichen orthodoxen Tradition, die uns egal ist, und nicht aus der Heiligen Schrift, die wir für die einzige unfehlbare Quelle aller Wahrheiten halten." Darauf antworte ich: Nein, durchaus nicht. Diese Lehre steht in der Heiligen Schrift so offen zu Gesicht, von der ersten Seite bis zur letzten, dass es hier überhaupt nicht nötig ist, aus unserer Tradition zu zitieren.
 
 

Die Personalität Gottes, der Engel, der Dämonen und der Menschen
 
Auf den ersten Seiten der Heiligen Bibel wird der personale Gott als die Erste Ursache angeführt, genauer gesagt, als den Ersten Verursacher der Welt, der sichtbaren und der unsichtbaren. Dass Gott der Schöpfer eine Person ist, ist ein Dogma, das nicht nur von allen christlichen Bekenntnissen bekannt und hochgehalten wird, sondern auch von mehreren anderen Religionen. Wir Christen jedoch haben das Privileg, das innere Sein Gottes zu kennen, d.h. Gott als Dreiheit der Personen und Einheit des Wesens. Dieses Mysterium haben wir durch die überaus bedeutsame Offenbarung des Neuen Testaments kennengelernt. Das Dogma vom Vater und dem Sohn  und dem Heiligen Geist bedeutet, dass Gott dreifach personal und mithin in höchsten Maß personal ist. 

Doch nicht nur Gott ist personal. Personal sind auch die Engel, personal ist der Satan mit seiner perversen Schar von Dämonen, und personal schließlich sind die Menschen. Wenn du die Bibel mit Sorgfalt liest, ohne die Vorurteile der sogenannten "Naturgesetze" und der vorgeblichen "zufälligen Ursachen", wirst du drei kausale Faktoren finden, und alle drei sind personal. Sie sind: Gott, Satan und der Mensch. Selbstverständlich sind sie einander nicht gleich in ihren personalen Attributen, und es gibt keinerlei Gleichwertigkeit zwischen ihnen. Der Satan hat alle seine positiven Attribute als Engel des Lichts verloren und ist zum Hauptfeind Gottes und des Menschen geworden, doch er bleibt bestehen als  persönliches Wesen, allerdings hingebeugt zum Tun des Bösen. Der Mensch ist seit der Ursünde verdunkelt in seiner Herrlichkeit, und das Gottesbild, das er in sich trägt, ist verunstaltet,  doch er ist ein persönliches Wesen geblieben, bewusst, vernunftbegabt, fähig zu sinnvollem Handeln, schwankend zwischen Gott und Satan, frei in seiner Wahl, gerettet zu werden durch den Ersten oder zerstört zu werden durch den zweiten.
    
 

Der erste Kausalfaktor - Gott, der Allwissende und Allmächtige
     
Gott ist die Tätigkeit Selbst. Er greift nicht nur hin und wieder ein mit Seinen Wundern und Zeichen in das Leben der Menschen und der Völker, sondern Er ist unablässig und fortwährend tätig zum Erhalten und Beleben Seiner Schöpfung.  Er, "Der doch nicht fern ist einem jeden von uns" (Apg 17,27) und Der selbst "die Gedanken der Menschen kennt"  (Ps 93,11), handelt und wirkt in allen menschlichen Angelegenheiten: Er schenkt oder verweigert Kinder, gewährt oder verweigert gute Ernten, billigt oder droht, gewährt Frieden den Gläubigen und bewirkt Krieg gegen die Teufelsanbeter. 

Er gebietet allen Elementen der Natur, dem Feuer und dem Wasser, dem Hagel und den Sturmwinden, sei es, um den Unterdrückten zu helfen, sei es, um die Gottlosen zu züchtigen  (s. Dan 3,26ff, Ps 134,135, 148 usw.). Er nennt die Heuschrecken, die Raupen und das Gewürm "Mein großes Heer" (Joel 2,25), dem Er befiehlt, die Nahrung der Sünder zu verzehren. Er, Der "sowohl die Seele als auch den Leib zu verderben vermag in der Hölle" (Mt 10,28), Er kennt die Zahl "der Haare unseres Hauptes", und "kein Sperling fällt zu Boden" ohne Seinen Willen und Sein Wissen (s. Mt 10,29-30).  

All dies ist bezeugt an vielen Stellen der Bibel. Und nicht nur das. Es gibt keine Seite der Heiligen Schrift, die nicht von Gott spricht, und zwar von einem persönlichen Gott, von Seinem Willen und Seinem vielfältigen Tun. Die Bibel insgesamt verkündet, dass Gott nicht nur der Erste Verursacher der Welt ist, sondern auch, dass Er allezeit der persönliche Allherrscher/Allerhalter - Pantokrator - der Welt ist, wie wir es im ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses bekennen.
      
 
Der zweite Kausalfaktor - der Satan
 
Ein weiterer Kausalfaktor ist Satan, Gottes Widersacher, mit seinen Scharen gefallener Geister. Er ist der persönliche Verursacher alles Bösen. Seit er als Luzifer herabgestürzt ist von der Herrlichkeit "eines gesalbten Cherub" (s. Ez 28,14) bis hinab in den finsteren Abgrund der Unterwelt (s. Is 14,11-15), versucht er unablässig, jeden Teil von Gottes Schöpfung und besonders den Menschen mit Bösem und mit Verderbnis zu durchsetzen. Neidisch auf Gott und auf den Menschen, ist er der Hasser beider. Christus nannte ihn "Mörder von Anbeginn" (Joh 8,44) und außerdem "Lügner und Vater der Lüge" (idem).  

Er ist ein mächtiger Herrscher des Bösen und der Finsternis, doch nach wie vor unterworfen - wenn auch unfreiwillig - dem allmächtigen Gott. Nur mit Gottes Erlaubnis vermag er den Menschen zu schaden und Krankheit, Verwirrung, Schmerz, Zwietracht, Tod und Zerstörung zu wirken. Doch je mehr ein Mensch oder ein ganzes Volk sündigt gegen Gott, desto größere Macht erlangt der Satan über jenen Menschen oder jenes Volk. 

Zur Zeit des Erscheinens unseres Herrn Jesus Christus lag infolge von Satans schrecklicher Tyrannei über die besessene Menschheit die ganze Welt darnieder im Bösen. Die Welt wimmelte von bösen Geistern wie nie zuvor. Deshalb wagte es Satan, Christus alle Reiche der Welt und deren Prunk als seine eigenen anzubieten. Ein Räuber und Lügner!
 
 
 
Der dritte Kausalfaktor - der Mensch
 
Der dritte Kausalfaktor in dieser Welt ist, gemäß der Bibel, der Mensch. Bei all seiner Kleinheit und Schwäche ist der Mensch der größte Preis, um den der Satan unentwegt und verzweifelt ringt und für den Gott von Anfang an bereit war, zu sterben. Schwankend zwischen Gott und Satan, von Gott gestützt und vom Satan verführt, taumelt der Mensch hin und her, sucht im Dunkeln tappend nach Licht, Leben und Glück während der kurzen Spanne seines Daseins auf diesem Planeten. Seiner scheinbaren Bedeutungslosigkeit in diesem Riesenuniversum zum Trotz besitzt der Mensch die Fähigkeit, dieses Universum durch seine Lebensführung zu verändern. Konfuzius sagte: "Die Wolken geben den Regen oder geben ihn nicht je nach der Lebensführung der Menschen." Wieviel mehr noch hat diese Bemerkung ihre Gültigkeit im Christentum mit seinem Glauben an einen persönlichen Gott, den Spender des Regens. 

Durch seinen Glauben und seine Tugenden, besonders durch seinen Gehorsam gegenüber Gott, gewinnt der Mensch die Herrschaft wieder über alle geschaffene Kreatur, die Gott ihm bei seiner Erschaffung anvertraut hatte. Doch durch seine Apostasie und Korruption entthront er sich selbst, gerät unter die Herrschaft der physischen Natur und wird ihr Sklave. Statt über die stumme Natur zu gebieten, gebietet sie über ihn, sodass er gegen sie kämpfen muß um sein Überleben, wie du es auch heute noch sehen kannst in unserer Generation. Und statt Gott als seinen einzigen Meister zu haben, hat er jetzt zwei Meister über sich selbst, nämlich den Satan und die Natur, die ihn beide tyrannisieren...  

Durch seinen Glauben und seine Tugend vermochte der Mensch Berge zu versetzen, die wilden Tiere zu zähmen, Angreifer zu besiegen, die Himmel zu verschließen, Katastrophen Einhalt zu gebieten, Kranke zu heilen, Tote zu erwecken. Und durch seine Sünden und Laster, besonders aber durch seinen Abfall von Gott, seinem einzigen wahrhaft liebenden und mächtigen  Freund, bewirkte er die Vernichtung von Städten und Zivilisationen, all die Erdbeben, Überschwemmungen, Seuchen, Sonnenfinsternisse, Hungersnöte und weiteren unheilvollen Geschehnisse ohne Zahl, die dem Satan gefallen und Gott betrüben.  

Indem der Mensch Gott folgt, wird er Gott, und in dem er dem Teufel folgt, wird er zum Teufel. Doch ob er mit Gott sei oder mit Gottes Widersacher - der Mensch ist von Anfang an und auch heute der Brennpunkt dieses Planeten  und eine der drei wichtigsten Ursachen der Geschehnisse und Veränderungen in der Welt. Deshalb, was immer geschieht auf der Bühne dieser Welt, geschieht entweder durch Gottes gütigen Willen oder durch Satans bösen Willen oder durch den Menschen kraft seiner freien Wahl zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht.
 
 

Immense Kräfte hinter jedem dieser drei Faktoren
 
Wenn wir diese drei Kausalfaktoren nennen: Gott, Satan und Mensch, solltest du nicht an bloße drei Personen denken, sondern an die immensen Kräfte hinter jedem von ihnen. Hinter Gott - eine zahllose Schar von Engeln des Lichts, so vielen, dass jeder Mensch und jede Nation ihren eigenen Schutzengel hat. Hinter Satan eine abscheuliche Horde von bösen Geistern, so viele, dass eine ganze Legion von ihnen eingesetzt wurde, um einen einzigen Menschen zu plagen, den Mann von Gadara (Mk 5,9). Hinter dem Menschen seit Christi Leerung des Hades und Seiner Auferstehung bis jetzt Milliarden von Menschenseelen, die uns von der jenseitigen Welt, von der siegreichen Kirche her helfen mit ihren Fürbitten und ihrer Liebe, ferner Millionen von Getreuen Christi, die heute für  Christus und für unsere Rettung kämpfen gegen die Kräfte Satans.  

Denn unser wichtigster Kampf in dieser Welt ist nicht jener gegen natürliche und physische Widrigkeiten, der vergleichsweise gering ist und mehr den Tieren gebührt ist als den Menschen, sondern wie der visionäre Paulus sagt, jener "gegen die Mächte, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher der Finsternis dieses Äons"  (Eph 6,12), das heißt die satanischen Kräfte des Bösen. Und wir Christen haben durch Jesus Christus unseren Retter über diese satanischen Kräfte gesiegt und werden immerdar siegen über sie durch Ihn.  

Warum durch Ihn? Weil die Liebe eine größere Macht ist als alle anderen Mächte, der sichtbaren und der unsichtbaren. Denn aus reiner Liebe zu den Menschen kam Christus herab auf die Erde und stieg hinab in die Unterwelt bis zum höllischen Nest der Horden Satans selbst, um sie zu zertreten und die Menschen zu erlösen von ihnen. Deshalb konnte Er am Ende Seiner siegreichen Mission sagen: "Alle Macht ist mir gegeben im Himmel und auf Erden" (Mt 28,18). Wenn Er sagt "alle Macht", so meint Er das wörtlich - wahrhaftig alle Macht, zuallererst die Macht über den Satan und seine Horden, dann die Macht über die Sünder, über die Sünde und über den Tod. "Denn dazu erschien der Sohn Gottes - dass Er die Werke des Teufels vernichte" (1 Joh 3,8). Deshalb frohlocken wir in unserem Glauben, dass unser Herr Jesus Christus der unbesiegbare Herr ist. Diesen Glauben bekennen wir in jeder Liturgie, indem wir das Heilige Brot für die Göttliche Kommunion besiegeln mit den Lettern IC-XC-NI-KA.
    
 
Unpersonale Kausalität widerspricht den Hl. Schriften
und ist für echte Christen unannehmbar
 
Lest das Heilige Evangelium wieder und wieder, soviel ihr wollt - ihr werdet in Christi Worten nicht den geringsten Hinweis finden auf natürliche und physische Ursachen von irgendetwas und irgendwelchen Ereignissen. Klar und hell wie die Sonne am Mittag ist Christi Offenbarung und Lehre, dass es nur drei Kausalfaktoren gibt in dieser Welt: Gott, Mensch und Satan. Sein Wirken auf Erden war zuallerst Gehorsam gegenüber Seinem himmlischen Vater. Sein wichtigstes Liebeswerk war die Heilung der Körper und Seelen der Menschen. Sein wichtigster Streit mit den Pharisäern betraf Seine Macht zur Austreibung der bösen Geister aus den Menschen und zur Vergebung der Sünden.  

Was die Natur und die sogenannte natürliche Ordnung und Naturgesetze angeht, so zeigte Er darüber eine nie dagewesene absolute Macht und Herrschaft. Er prägte Seinen Jüngern mit Nachdruck ein, dass sie "nicht von dieser Welt"  waren, und sagte ihnen deutlich: "Ich habe euch auserwählt aus der Welt" (Joh 15,19). Und insofern die Christen nicht von dieser Welt sind, ist die Theorie der Menschen dieser Welt über unpersonale, vernunftlose und zufällige Ursachen der Abfolge von Dingen und Ereignissen für sie ohne jeden Zweifel unannehmbar.  

In unseren liturgischen Büchern findet ihr dieselben drei personalen Kausalfaktoren wie im Evangelium.[4] Ebenso im Leben der Heiligen. Ebenso in der Überzeugung und im Bewußtsein der Gesamtheit unseres orthodoxen Volkes.  

Wer daher von unpersonalen Ursachen der Dinge, Geschehnisse und Veränderungen in der Welt redet, begrenzt Gottes Macht, ignoriert die Mächte der Finsternis und verachtet die Rolle und Bedeutung des Menschen. Die Heilige Schrift kennt und erwähnt keinerlei unpersonale Ursache blinden Zufalls von irgendetwas in der Welt. Die Bibel lehrt uns mit aller Deutlichkeit, dass die Ursachen aller Dinge, Fakten, Geschehnisse und Veränderungen von höheren persönlichen Wesen und persönlicher vernünftiger Geister stammen. Und wir halten fest an dieser Lehre des Heiligen Buches.  

Deshalb machen wir keinerlei Konzessionen an die weltlichen oder wissenschaftlichen 
Theorien über eine  unpersonale, vernunftlose, unabsichtliche oder zufällige Kausalität in der Welt. Wenn ich sage "wir", denke ich nicht nur an die großen Väter der Kirche, die Theologen und die gebildeten Religionslehrer, sondern auch an unser gesamtes orthodoxes Volk überall in der Welt. Unser orthodoxes Volk würde niemals sagen: "Ein Wolf hat den Tod von jemandes Schafen verursacht" oder: "Ein herabfallender Stein verursachte die Verwundung eines Knaben", oder: "Ein Wirbelsturm war die Ursache für die Zerstörung von jemandes Haus", oder: "Gutes Wetter war die Ursache einer reichen Ernte". Unser Volk sieht durch den Vorhang der physischen Welt hindurch in die geistige Sphäre und sucht die wahren Ursachen jener Ereignisse dort. Immerdar sucht es nach den personalen Ursachen. Doch obwohl dies vollkommen übereinstimmt mit der biblischen Lehre, nennen uns einige Außenseiter Mystiker und unseren Glauben Mystizismus oder Aberglauben. In Wirklichkeit aber ist unser Mystizismus nichts anderes als eine tiefere Einsicht in die geistigen Realitäten, in die Existenz persönlicher Geistwesen, die verursachen, was immer geschieht, wobei sie die natürlichen Dinge und Elemente bloß benutzen als ihre Werkzeuge, Kanäle, Symbole oder Zeichen.
    
 All dies führt uns zu folgenden Schlußfolgerungen:
 
- Erstens ist das Christentum eine Religion nicht so sehr von Prinzipien, Regeln  und Vorschriften, sondern vorweg und allem voran von personalen Beziehungen, in erster Linie einer liebenden Beziehung zur Person unseres Herrn Jesus Christus, und durch Ihn zu den anderen Mitgliedern Seiner Kirche,  den lebendigen ebenso wie den entschlafenen.
 
- Zweitens ist unsere orthodoxe Lehre von der personalen Kausalität im gesamten Bereich der Natur und der Weltgeschichte jenseits allen Zweifels die Lehre der Bibel. Sie wurde von den Heiligen Vätern der Kirche zur Gänze angenommen und erklärt und wird im Bewußtsein des treuen orthodoxen Volkes mit Einsicht bewahrt.
 
Die Wohltaten, die wir aus solchem Personalismus in der Kausalitätslehre schöpfen, sind mannigfaltig. Durch ihn regen wir unseren Geist an, durch die sichtbaren Geschehnisse hindurch vorzudringen in den Bereich der unsichtbaren Geistwesen, die das Drama der Welt verursachen und beherrschen. Der Personalismus schärft unsere Denkkraft, unsere eigene Vernunft, mehr als alles andere. Durch ihn bleiben wir ständig der Gegenwart unseres Freundes gewahr, unseres Erlösers Christus, zu Dem wir beten, und ebenso unseres Erzfein-des, des Satans, den wir bekämpfen und meiden müssen. Der Personalismus hilft uns in hohem Maß, einen starken persönlichen Charakter zu bilden. Er beseelt uns mit dem Geist zuversichtlichen Heldentums im Leiden, in der Selbstaufopferung und im Ertragen unbe-schreiblicher Qualen um Christi Willen, wie unsere Kirchengeschichte zeigt. 

All dessen entbehren die Anhänger der unpersonalen Kausalität, und nicht nur dessen, sondern überdies der größten aller Wohltaten: der Erkenntnis der Wahrheit.
 
 
Quelle: prodromos-verlag.de      


[1] Quelle: www.atlantaserbs.com/library/st.nikolaj. Aus dem Englischen übersetzt vom Kloster des Hl. Johannes des Vorläufers, Chania 2011. Der heilige Nikolaj, Bischof von Žiča und Ochrid, Laureat westlicher Universitäten, heiliger Prediger, Lehrer und Dichter,   genannt „der serbische Chrysostomos“, als Hierarch echter Jünger des Guten Hirten und  Bekenner des orthodoxen Glaubens bis in die Konzentrationslager der Nazis, lebte von 1880 bis 1956 (siehe Das Synaxarion am 5. März und Vorspann zum Prolog von Ochrid, einem der Hauptwerke des hl. Nikolaj, dt. erschienen im J.A. Wolf Verlag, Orthodoxe Quellen und Zeugnisse, Apelern 2009). 
[2]Naturalismus: Philosophische Theorien, die die Welt als naturhaftes Geschehen definieren und allein die Natur als Grund und Norm aller Erscheinungen anerkennen, motiviert und gefördert ab dem 17. Jh. hauptsächlich durch das Bestreben, die religiöse Weltschau zu bekämpfen. Daraus entstand im 20. Jh. das von den Naturwissenschaften entworfene Weltbild, das sich allein an den Erklärungsmethoden dieser Wissenschaften orientiert.
[3] Deismus (von lat. deus: Gott): eine religionsphilosophische Richtung, die zwar die Existenz eines göttlichen Wesens als Urheber der Schöpfung anerkennt, aber dessen Eingreifen in die Geschehnisse der Weltgeschichte leugnet.
[4] Ein beredtes Beispiel sind die verschiedenen liturgischen Gedächtnisse großer Erdbeben und anderer Katastrophen (s.  Das Synaxarion am 25. September, 26. Oktober,  14. Dezember usw.), die von der ganzen Kirche als Mahnungen und Warnungen des Barmherzigen Gottes erlebt, verstanden und beherzigt wurden.


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