Hl.
Kloster Paraklitos,
Oropos,
Attika, Griechenland:
Einleitung
Die Orthodoxe Kirche ist von Natur
aus katholisch und offenkundig ökumenisch (universell)[1].
Sie heißt mit offenen Armen alle Völker willkommen, alle Rassen und alle Zeiten
und lädt sie alle ein zu kommen. Christus, ihr Haupt, wendet sich zu jeder Zeit
an die Welt: „Kommt zu Mir, ihr alle", während Er Seine Apostel aussendet,
damit sie das Evangelium der Rettung „allen Völkern" verkünden.
Dieser
Bestandteil und diese inhärente Eigenschaft der Kirche - Ökumenizität oder
Universalität - wird heutzutage von zwei Bewegungen angefochten, die den Geist
dieses Zeitalters zum Ausdruck bringen: Ökumenismus und Globalismus.
Globalismus
wird von mächtigen soziopolitischen Kräften vorangetrieben und zielt hin auf
eine einzige vereinte Menschheit, während der Ökumenismus im religiösen Bereich
aktiv ist, indem er versucht, die Vision eines vereinten Christentums zu
realisieren und letztendlich auf eine einzige Universalreligion, eine „Pan-Religion"
abzielt.
In dieser
Schrift werden wir versuchen, einen Umriß der ökumenischen Bewegung zu
zeichnen, an der die Orthodoxe Kirche teilnimmt, denn für den größten Teil der
Kirche bleibt die Natur und das Werk dieser Bewegung unbekannt, und gewisse
Entwicklungen in den ökumenischen Kreisen haben Ängste aufkommen lassen und
Befürchtungen hervorgerufen.
Es mag
seltsam klingen, doch es ist eine Tatsache, daß der heutige Ökumenismus die
‘ökumenische Natur‘ unserer Kirche bedroht, da er immer mehr in kompromittierende
und synkretistische Taktiken verfällt, die den grundlegenden Prinzipien unseres
orthodoxen Glaubens widersprechen. Wir dürfen nicht vergessen, daß der richtige Glaube die erste und wichtigste
Voraussetzung für die Rettung der Menschheit ist gemäß der göttlich
inspirierten Erklärung: „Wer gerettet werden möchte, ist an erster Stelle
verpflichtet, den katholischen Glauben zu bewahren; wenn er diesen Glauben
nicht sicher und unversehrt bewahrt, ohne zu schwanken, wird er auf ewig
verlorengehen" (Glaubensbekenntnis des
hl. Athanasios von Alexandria).
Wenn daher
die rettende Botschaft der Orthodoxie verdunkelt wird und verlorengeht unter
den verlockenden Botschaften der heterodoxen und nichtchristlichen Religionen
um einer utopischen ökumenistischen Vision willen, dann wird die Hoffnung der
Welt ebenfalls verloren sein.
Das
Heilige Kloster des Parakliten
ÖKUMENISMUS
Ökumenismus ist eine Bewegung, die
erklärt, ihr Ziel bestehe in der Einheit der geteilten christlichen Welt
(Orthodoxe, Römisch-Katholische, Protestanten und andere). Der Gedanke der
Einheit berührt jede empfindsame christliche Seele und entspricht ihrem
innersten Sehnen. Diesen Gedanken hat sich auch der Ökumenismus zu eigen
gemacht. Doch die vereinigende Vision des Ökumenismus - eine Vision oberhalb
aller Spiritualität - ist hauptsächlich auf menschliche Anstrengungen gegründet
und nicht auf das Wirken des Heiligen Geistes, Der allein, wenn Er im Menschen
auf Reue und Demut trifft, diese Vision realisieren kann.
Heutiger Ökumenismus
Die Wurzeln des heutigen Ökumenismus
liegen im Protestantismus des neunzehnten Jahrhunderts. Zu jener Zeit waren
einige christliche Konfessionen angesichts des Mitgliederschwunds, der durch
wachsende religiöse Gleichgültigkeit und organisierte antireligiöse Bewegungen
verursacht wurde, gezwungen, sich zusammenzutun und miteinander zu arbeiten.
Diese
vereinigende Aktivität nahm im zwanzigsten Jahrhundert als Ökumenische Bewegung
eine organisierte Form an, insbesondere ab 1948, als in Amsterdam der
Weltkirchenrat (World Council of Churches, WCC) gegründet wurde, dessen
Hauptquartier in Genf ist.
Es ist
wichtig festzuhalten, daß der Weltkirchenrat niemals einen ökumenischen
Charakter hätte annehmen können, sondern eine innerprotestantische
Angelegenheit geblieben wäre, wenn nicht einige lokale Orthodoxe Kirchen daran
teilgenommen hätten. Die Römisch-Katholischen lehnten zunächst eine Teilnahme
daran ab. Später jedoch traten sie in die ökumenische Bewegung ein, ohne
organisches Mitglied des WCC zu werden. Mit dem entsprechenden Erlaß des
Zweiten Vatikanischen Konzils (1964) leiteten sie ihre eigene besondere Version
des Ökumenismus ein, die auf die Einheit aller Christen unter der Autorität des
Papstes hinzielt.
Orthodoxe Teilnahme an der Ökumenischen Bewegung
Man muß anerkennen, daß das
Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel die Schaffung der Ökumenischen
Bewegung auf bedeutende Weise förderte. Dies geschah insbesondere durch die
Proklamation von 1920, die, wie es sich herausstellte, die Basis und „Magna
Charta" der orthodoxen Teilnahme an der Ökumenischen Bewegung wurde.
Diese
Proklamation war in der Geschichte der Kirche ohne Beispiel, denn zum ersten
Mal charakterisierte ein offizieller orthodoxer Text alle heterodoxen
Gemeinschaften des Westens als „Kirchen", als „Teil des Hauswesens Christi und Miterben sind, zu demselben Leib gehören und
an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben (Eph 3,6). Auf diese
Weise wurde die orthodoxe Ekklesiologie gestürzt und verworfen. Um hier auf den
Verweis auf frühere Epochen zu verzichten, genügt es zu erwähnen, daß erst
wenige Jahre zuvor (1895) dasselbe Patriachat in einer seiner Enzykliken den
Römischen Katholizismus als außerhalb der
Kirche bezeichnete, denn er habe häretische
Lehren und Erneuerungen eingeführt. So rief er ferner die westlichen
Christen dazu auf, zu der Einen Kirche zurückzukehren, das heißt, zur
Orthodoxie.
Die
Proklamation von 1920 jedoch, die als Prototyp den internationalen
‘Staatenbund‘ hatte, schlug die Gründung eines
Verbandes und einer Bruderschaft zwischen den Kirchen vor mit den primären
Zielen: a) einer erneuten Überprüfung der dogmatischen Unterschiede auf
besänftigende Art und Weise; b) das Annehmen eines einheitlichen Kalenders
(dessen partielle Verwirklichungen leider die interorthodoxe Kalenderspaltung
mit sich brachte); und c) die Einberufung panchristlicher Konferenzen.
Abgesehen
vom Ökumenischen Patriarchat baten nach und nach alle Orthodoxen Kirchen darum,
in den Weltkirchenrat aufgenommen zu w
erden, und sie wurden schließlich aufgenommen.
Einige jedoch waren später gezwungen, sich zurückzuziehen und auszutreten, da
sie einerseits mit Enttäuschung die Entartung der Ökumenischen Bewegung
erkannten und andererseits durch massive antiökumenische Reaktionen von Seiten
ihrer Herde unter Druck gesetzt wurden. Man konnte mit gutem Grund fragen: „Wie
ist es möglich, daß die Orthodoxie ein ‘Mitglied‘ von ‘irgend etwas‘ ist,
während sie doch zugleich das ‘Ganze‘, der Leib Christi ist und alle dazu
aufruft, Glieder Seines Leibes zu werden?"
Auf jeden
Fall war die Anwesenheit der Orthodoxen Kirchen bei den Versammlungen des
Weltkirchenrats angerspannt, wirkungslos und dekorativ. Die Entscheidungen des
Weltkirchenrats wurden ausschließlich durch die überwältigende Mehrheit der
protestantischen Stimmen geformt. Freilich legten die Orthodoxen bei den
Generalversammlungen bis 1961 gesonderte Statements vor - einige davon stellten
historische Bekenntnisse des Glaubens dar - als Repräsentanten der Einen,
Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche.
In bezug
auf die ökumenischen Vorschläge des Zweiten Vatikanischen Konzils war die
orthodoxe Antwort - mit dem ökumenischen Patriarchen Athenagoras als
wichtigstem Wortführer - positiv. Der Patriarch traf Papst Paul VI. in
Jerusalem (1964), führte mit ihm zusammen die gegenseitige Aufhebung der
Anathemata von 1054 durch und rief auf zum „Dialog der Liebe" - und auf diese
Weise unterstützte er die Ziele des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Die theoretischen „Vorgaben" des Ökumenismus
Damit der Ökumenismus sein Ziel
erreichen kann, ist er gezwungen, gewisse grundlegende Prinzipien der
Orthodoxie neu zu überdenken oder sogar zu übersehen. Er unterstützt die Idee
der „ausgeweiteten"oder „Breiten Kirche", nach der die Kirche eine ist und aus Christen jeder Konfession
vom Augenblick ihrer Taufe an besteht. Auf diese Weise sind alle christlichen
Kirchen untereinander „Schwesterkirchen".
In
demselben Geist ist die Idee der „Universellen sichtbaren Kirche" zu finden.
Das bedeutet, eine Kirche, die ‘unsichtbar‘ existiert und aus allen Christen
besteht, welche durch verschiedene wechselseitige Anstrengungen zur Vereinigung
in ihrer sichtbaren Dimension erscheinen wird.
Diese
Ansichten wurden geformt und beeinflußt durch die protestantische „Theorie der
Zweige" („branch theory"), nach der die Kirche ein „Baum" ist, wobei alle
christlichen Konfessionen dessen „Zweige" bilden und jede von ihnen nur einen
Teil der Wahrheit enthält.
Wir
sollten noch die Theorie der „zwei Lungenflügel" hinzufügen, die zwischen
orthodoxen Ökumenisten und Papisten entwickelt wurde. Gemäß dieser Theorie sind
die Orthodoxie und der römische Katholizismus zwei Lungenflügel, mit denen die
Kirche atmet. Damit die Kirche wieder richtig zu atmen beginnt, müssen die
beiden Lungenflügel ihre Atmung synchronisieren.
Schließlich
gehört zu den Methoden, die der Ökumenismus für die Wiederannäherung der
Christen verwendet, noch der ‘dogmatische Minimalismus‘. Das ist ein Versuch,
die Dogmen hinunter auf das Allernötigste zu reduzieren, auf das pure Minimum,
um über die Unterschiede zwischen den Konfessionen hinwegzuspringen. Das
Resultat jedoch besteht darin, die Dogmen zu übersehen und ihre Bedeutung
herabzuwürdigen und zu bagatellisieren. „Mögen sich die Christen vereinigen",
sagen sie, „und die Theologen werden die Dogmen später diskutieren"! Mit der
Methode des dogmatischen Minimalismus mag es in der Tat recht einfach sein, daß
sich die Christen vereinigen. Doch können solche ‘Christen‘ orthodox sein, das
heißt, wirklichen Christen?
Das orthodoxe Verständnis der Kirche
Der orthodoxen Ekklesiologie gemäß
sind Kirche und Orthodoxie identisch. Die Kirche ist zweifellos orthodox, und
die Orthodoxie ist die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche, der
Leib Christi. Da Christus Einer ist,
ist auch die Kirche eine. Deshalb ist
Spaltung in der Kirche nicht vorstellbar. Es kann nur eine Trennung von der Kirche geben. Das heißt, in
bestimmten historischen Augenblicken schneiden sich die Häretiker und die
Schismatiker von der Kirche ab und somit hören sie auf, Mitglieder der Kirche
zu sein.
Die Kirche
besitzt die Fülle der Wahrheit, nicht nur einer abstrakten Wahrheit, sondern
als eine Lebensweise, die den Menschen aus dem Tod rettet und ihn zu „Gott der Gnade nach" macht. Im Gegensatz
dazu ist eine Häresie eine gänzliche oder teilweise Verwerfung der Wahrheit,
ein Zerstückeln der Wahrheit, was dann den Charakter und die Pathologie einer
Ideologie annimmt. Sie trennt den Menschen von der Art des Seins, die Gott
Seiner Kirche vermittelte, und sie tötet ihn spirituell.
Ferner
sind die Dogmen, die die transzendenten Wahrheiten unseres Glaubens enthalten,
nicht abstrakte und intellektuelle Ideen, die dem Verstand entspringen, noch
viel weniger sind sie das Ergebnis von mittelalterlicher Verdunkelung oder
theologischer Scholastik. Sie bringen statt dessen die Erfahrung und das Leben
der Kirche zum Ausdruck. Wo daher ein Unterschied im Dogma besteht, besteht
definitiv auch ein Unterschied in der Lebensweise. Wer daher die akrivia (Genauigkeit) des Glaubens
geringachtet, kann nicht die Fülle des Lebens in Christo leben.
Der Christ
muß alles akzeptieren, was Christus offenbart hat. Nicht ein ‘Minimum‘, sondern
das Ganze; denn in der Ganzheit und Unversehrtheit des Glaubens wird die
Katholizität und Orthodoxie der Kirche aufbewahrt.
Dies
erklärt, warum die Heiligen Väter bis aufs Blut kämpften, um den Glauben der
Kirche zu schützen, genauso auch ihre Sorge um die Wortwahl - unter der
Erleuchtung des Heiligen Geistes - der ‘Vertragsbedingungen‘ der Ökumenischen
Konzile. Diese ‘Vertragsbedingungen‘ sind nichts anderes als die
‘Kontrollpunkte‘, die Grenzen der Wahrheit, so daß der Gläubige die Kirche -
als Orthodoxie - zu unterscheiden vermag von der Häresie.
Die
Heterodoxen trennten sich von der Kirche, indem sie die Fülle der Wahrheit
verwarfen. Das ist der Grund, weswegen sie Häretiker sind. Ihnen mangelt es
daher an der heiligenden Gnade des Heiligen Geistes. Somit sind ihre
‘Mysterien‘ (Sakramente) nicht gültig. Folglich kann ihnen die Taufe, die sie
vornehmen, nicht den Zutritt zur Kirche Christi gewähren.
Der 68.
Kanon der Heiligen Apostel stellt fest: „Jene, die von Häretikern getauft oder
geweiht wurden, können weder treue Christen noch Kleriker sein." Der hl.
Nikodemos der Agiorit fügt hinzu: „Die Taufe aller Häretiker ist nicht
gottgemäß und blasphemisch und hat keinerlei Gemeinschaft mit jener der
Orthodoxen."
Was sagen uns hingegen die orthodoxen Ökumenisten?
Ein orthodoxer Hierarch hat
proklamiert: „Der Heilige Geist ist bei jeder christlichen Taufe anwesend", und
die Wiedertaufe getaufter heterodoxer Christen durch Orthodoxe sei inspiriert
durch „Engstirnigkeit, Fanatismus und Bigotterie... (Dies) ist ein Unrecht,
begangen gegen die christliche Taufe und letztlich eine Blasphemie gegen Gottes
Heiligen Geist."[2]
Ein
anderer Hierarch wendet sich an die Heterodoxen mit folgenden Worten: „Wir sind
alle Mitglieder Christi, (der) eine und einzige Leib, die eine und einzige
‘neue Schöpfung‘ in Anbetracht der Tatsache, daß unsere gemeinsame Taufe uns
vom Tod befreit hat."[3]
Die
ökumenistische Ekklesiologie wurde offiziell gleichfalls wie folgt zum Ausdruck
gebracht: „Wir sind verpflichtet, bereit zu sein dafür, die Anwesenheit der
Kirche außerhalb unserer eigenen kanonischen Grenzen, mit denen wir die Eine,
Heilige, Katholische und Apostolische Kirche identifizieren, zu suchen und
anzuerkennen."[4]
Doch es
gibt auch jene, die noch kühner sind und die Wiedergründung der Kirche durch
die Vereinigung aller Christen anvisieren. Ein orthodoxer Hierarch behauptet:
„Wir brauchen ein neues Christentum, das auf völlig neuen Wahrnehmungen und
Begriffen basiert. Wir können nicht jene Art von Religion lehren, die uns für
die nächste Generation überliefert wurde."[5]
Die Dialoge der Vergangenheit
Um sein Ziel zu erreichen, verwendet
der Ökumenismus eine Vielzahl von Mitteln. Das grundlegendste Mittel ist der
Dialog.
Keiner
streitet die Tatsache ab, daß die Orthodoxe Kirche von Natur aus für den Dialog
offen ist. Gott ist stets im Dialog mit den Menschen, und die Heiligen der
Kirche haben den Wortwechsel mit der Welt nie abgelehnt.
Die
Heiligen, die sich ihrer eigenen Kommunion mit Gott bewußt sind, versuchen
durch den Dialog die Erfahrung der Wahrheit zu vermitteln, die sie leben. Für
die Heiligen war die Wahrheit ein Gegenstand der Erforschung. Sie forschten
nicht danach, sie verhandelten nicht darüber; sie boten sie nur an. Wenn der
Dialog die Heterodoxen nicht zur Verwerfung ihres irrigen Glaubens und zur
Annahme des orthodoxen Glaubens führte, setzten sie ihn nicht fort.
Der hl.
Markos von Ephesos führte den Dialog mit den Römisch-Katholischen auf dem
Konzil zu Ferrara-Florenz (1438-1439). Als er jedoch ihre Überheblichkeit sah,
ihre Unnachgiebigkeit und ihr hartnäckiges Festhalten am Irrtum, brach er alle
Beziehungen mit ihnen ab - bis zu dem Punkt, daß er die orthodoxen Gläubigen
dazu aufrief „die Beziehungen mit den Papisten zu vermeiden, wie man eine
Schlange vermeidet."
Ein
theologischer Dialog wurde auch zwischen dem Ökumenischen Patriarchen Jeremias
II. Tranos und den protestantischen Theologen von Tübingen begonnen (1579). Als
er sich darüber gewiß wurde, daß der Dialog fruchtlos blieb, beendete er ihn.
Der Patriarch schrieb: „Bitte entlassen Sie uns aus dieser Beschäftigung. Gehen
Sie daher Ihre eigenen Wege, und wenn Sie mögen, können Sie uns schreiben, doch
nicht mehr bezüglich der Dogmen."
Die
Dialoge der Ökumenisten
Die heutigen ökumenischen Dialoge
unterscheiden sich radikal von den Dialogen der Heiligen, denn sie werden auf
der Basis der Prinzipien einer erweiterten
Kirche und des dogmatischen
Minimalismus geführt. Aus diesem Grund sind sie unorthodox und fruchtlos.
Der Beweis dafür ist, daß sie in den fast 100 Jahren, in denen die Gespräche
geführt wurden, nichts hervorgebracht haben, was für die Einheit der
christlichen Welt von Wert wäre. Im Gegenteil, sie hatten Erfolg darin, die
Orthodoxen zu spalten!
Die Hauptaspekte der
Krankengeschichte der heutigen Dialoge sind die folgenden:
A. Mangel an
orthodoxem Bekenntnis.
In den Dialogen bringen gewisse
orthodoxe Repräsentanten nicht den unerschütterlichen Glauben der Orthodoxen
Kirche zum Ausdruck, daß diese in Wirklichkeit die einzige Kirche Christi auf
Erden ist. Daher führen sie nicht die heilige Tradition und die spirituelle
Erfahrung der Orthodoxie an, die sich von den Traditionen und Erfahrungen des
westlichen Christentums unterscheidet. Nur solch ein bekennender Standpunkt
wäre in der Lage, der orthodoxen Präsenz bei den Dialogen Berechtigung zu
verleihen und sie produktiv und fruchtbar zu machen.
B. Mangel an
Aufrichtigkeit.
Der Mangel an orthodoxem Zeugnis in
Kombination mit der vorgeführten Unaufrichtigkeit der Heterodoxen macht den
interchristlichen Dialog noch komplizierter und ineffektiver. Infolgedessen
werden häufig wechselseitige oberflächliche Kompromisse oder zweideutige
Sprache und Begrifflichkeit verwendet, um die Unterschiede zu verhüllen.
Wenn, an erster Stelle, die
Römisch-Katholischen aufrichtig wären, würden sie in ökumenischen Kreisen frank
und frei das proklamieren, was sie bei ihren Gläubigen betonen - ihr nicht
verhandelbares Festhalten an das Primat des Papstes und seine Unfehlbarkeit.
Das würde natürlich klar zeigen, wie sie die Einheit der Christen sehen: nicht
als Einheit des Glaubens, sondern als
Unterwerfung aller unter die
Oberhoheit des Papstes. Zusätzlich dazu würde dies den Schluß bekräftigen, daß
die Institution des Papsttums einerseits die tragischste Entstellung des
Evangeliums enthält, und andererseits den Dialog einzig um seiner eigenen
expansionistischen Politik willen benutzt.
Der wesentliche
Ausdruck dieser Unaufrichtigkeit der Papisten ist darin zu finden, daß sie die Unia[6] aufrechterhalten
und stärken. Dies ist eine perfide und subversive Einrichtung, die das Papsttum
benutzte und nach wie vor als Modell der Vereinigung anwendet, trotz all der
heftigen Einwände der Orthodoxen und trotz der Tatsache, daß sie heutzutage das
primäre Hindernis für die bilateralen Gespräche darstellt.
Wenn auf
der anderen Seite die vielgestaltigen protestantischen Gruppierungen ehrlich
wären, würden sie geradeheraus bekunden, daß sie nicht länger willens sind,
ihre fundamentalen protestantischen Prinzipien zu kompromittieren und daß es in
Wirklichkeit andere Prinzipien sind, die sie zum Dialog zwingen. Das wird
ohnehin deutlich offenbar durch die Entartung ihrer ‘Kirchen‘ deutlich
(Frauenordination, gleichgeschlechtliche Ehen usw.).
C. Überbetonung der
Liebe.
Da Unehrlichkeit und selbstsüchtige
Motive die Dialoge vergiftet haben, die auf endlose und fruchtlose theologische
Debatten reduziert wurden, versuchte man den Ereignissen eine andere Wendung zu
geben. Die Dialoge wurden nun „Dialoge der Liebe" genannt, sowohl um damit
Eindruck zu machen, als auch, um die Hürde der dogmatischen
Auseinandersetzungen zu umgehen. „Liebe kommt an erster Stelle", betonten sie. „Die
Liebe zwingt uns dazu, uns zu vereinigen, auch wenn es dogmatische Unterschiede
gibt."
Aus diesem Grund ist ihre Methode in den
heutigen Dialogen, daß es keine Diskussion über die Dinge geben darf, welche trennen, sondern nur über die Dinge,
welche vereinen, um Raum zu schaffen
für ein unwahres Gefühl von Einigkeit und gemeinsamem Glauben. In den
Ökumenischen Synoden der Vergangenheit diskutierten die Väter jedoch stets
genau das, was trennte. Dasselbe
geschieht auch heute in jedem Dialog zwischen zwei Parteien, die sich
voneinander unterscheiden: Sie diskutieren die Punkte, die sie trennen - das
ist ja in Wirklichkeit der ganze Sinn des Dialogs -, und nicht die Punkte, die
sie gemeinsam haben.
Für uns
Orthodoxe sind Liebe und Wahrheit untrennbare Begriffe. Ein Dialog der Liebe
ohne Wahrheit ist falsch und unnatürlich, wohingegen ein Dialog der Liebe „in
Wahrheit" bedeutet: Mit den Heterodoxen aus Liebe Gespräche zu führen, um ihre
Irrtümer aufzuzeigen und wie sie zur Wahrheit zu führen sind. Wenn ich sie
wirklich liebe, muß ich ihnen die Wahrheit sagen, so schwierig oder schmerzlich
das auch sein mag.
D. Die
Abstumpfung orthodoxer Kriterien.
Zur Krankengeschichte dieser Dialoge
gehört auch die Betäubung orthodoxer theologischer Kriterien, und diese ist entstanden
infolge der Pflege einer „ökumenischen Höflichkeit" in den persönlichen
Beziehungen und Freundschaften unter heterodoxen Theologen. Es wird nicht
länger der Glaube als die rettende
Wahrheit erachtet, sondern das Gesamt der theoretischen Wahrheiten, die
Kompromisse zulassen.
Die
orthodoxen Ökumenisten behaupten: „Wir diskutieren ja nur, wir verändern nicht
unseren Glauben!" Natürlich ist der Dialog, als eine „liebende
Herangehenswseise" gottgefällig. Der ökumenistische Dialog jedoch, wie er heute
durchgeführt wird, ist keine Begegnung in der Wahrheit, sondern eher eine
„wechselseitige Anerkennung". Das bedeutet, daß wir die heterodoxen
Gemeinschaften als Kirchen anerkennen; daß wir zugestehen, daß ihre
dogmatischen Unterschiede „legitime
Ausdrucksformen" desselben Glaubens darstellen. Indem wir dies tun, geraten
wir jedoch in die Falle des dogmatischen Synkretismus: Wir stellen Wahrheit und
Täuschung auf dieselbe Stufe; wir stellen Licht und Finsternis gleich.
E. Gemeinsames
Gebet
Infolge der Betäubung ihrer
theologischen Kriterien, ist es für orthodoxe Ökumenisten ganz natürlich, ohne
zu zögern, an gemeinsamen Gottesdienst-Shows mit den Heterodoxen und an
gemeinsamen Gebeten teilzunehmen, die regelmäßig bei den interchristlichen
Treffen stattfinden. Sie wissen, daß dadurch innerhalb der gemeinsamen
ökumenischen Spiritualität das rechte psychische Klima geschaffen wird, was
notwendig ist für den Fortschritt gemeinsamer Bemühungen.
Die heiligen Kanones der Kirche jedoch
verbieten uns strikt, mit den Heterodoxen zu beten, denn die Heterodoxen teilen
nicht den orthodoxen Glauben. Sie glauben an einen anderen, entstellten
Christus. Aus diesem Grund nennt sie der hl. Johannes Damaskenos Ungläubige:
„Wer nicht gemäß der Tradition der Katholischen [Ganzen, d. h. Orthodoxen]
Kirche glaubt, ist ein Ungläubiger."
Zusammen
mit den Heterodoxen zu beten, ist daher verboten, denn es bekennt den Glauben
und die Teilnahme an der Glaubenshaltung des anderen, der betet, und es
vermittelt dem anderen den falschen Eindruck, daß er sich nicht im Irrtum oder
in der Täuschung befände und sich daher nicht der Wahrheit zuzuwenden bedürfe.
F. Interkommunion.
Wenn die heiligen Kanones das
gemeinsame Gebet mit den Heterodoxen verbieten, so verbieten sie noch strenger
unsere Teilnahme an den ‘Sakramenten‘ der Heterodoxen. Doch sogar in diesem
Punkt waren wir Orthodoxen nicht konsequent.
Das Zweite Vatikanische Konzil schlug im
Rahmen der ökumenistischen „Vorgaben", die es erstellte, die Interkommunion mit
den Orthodoxen vor: die Römisch-Katholischen wären in der Lage, in orthodoxen
Kirchen zu kommunizieren und die Orthodoxen in katholischen. Auf diese Weise -
so glauben sowohl die Römisch-Katholischen als auch die orthodoxen Ökumenisten
- würde die Vereinigung des Katholizismus mit der Orthodoxie allmählich de
facto geschehen, trotz all ihrer dogmatischen Unterschiede.
Wenn diese
Position für die Römisch-Katholischen infolge ihrer Wahrnehmung der Kirche und
der Sakramente (geschaffene Gnade usw.) gerechtfertigt ist, ist sie doch für
uns Orthodoxe unlogisch und unakzeptabel. Unsere Kirche hat niemals die Heilige
Eucharistie als Mittel betrachtet, um Vereinigung herbeizuführen, sondern stets
als deren Siegel und Krone.
Außerdem
setzt der gemeinsame Kelch einen gemeinsamen Glauben voraus. Das bedeutet, mit
anderen Worten, daß ein orthodoxer Christ, der in einer römisch-katholischen
Kirche kommuniziert, den papistischen Glauben akzeptiert.
Zusammenarbeit in praktischen Angelegenheiten
Ein weiteres Mittel, um die Ziele
des Ökumenismus zu erreichen, ist die interchristliche Zusammenarbeit.
Ökumenisten behaupten, die verschiedenen gegenwärtigen Probleme (sozial,
ethisch, die Umweltprobleme und andere) würden uns dazu verpflichten, uns zu
vereinigen.
Gewiß, die
Kirche hat stets große Sensitivität gegenüber allen menschlichen Problemen
erwiesen, und das ist allzeit so. Doch die Zusammenarbeit mit Häretikern, um
eine Lösung für diese Probleme zu finden, bringt folgende Nachteile mit sich:
a) Die
Stimme der Orthodoxie verliert ihre lichte Klarheit, wenn sie vermischt ist mit
anderen christlichen Stimmen und vermag dann dem heutigen Menschen nicht mehr
ihre eigene einzigartige Lebensweise zu vermitteln, die theanthropozentrisch (Gottmensch-zentriert) im Gegensatz zur anthropozentrischen (Mensch-zentrierten)
Lebensweise der Heterodoxen.
b) Die
Kirche erliegt der Versuchung des Säkularismus, indem sie in ihrer sozialen
Arbeit dieselben weltlichen Praktiken der anderen Konfessionen anwendet auf
Kosten ihrer Botschaft der Rettung. Was der moderne Mensch am nötigsten hat ist
jedoch nicht die Verbesserung des Lebens, basierend auf einem weltlichen
Christentum, auch wenn dieses alle sozialen Wunden zum Verschwinden brächte,
sondern seine Befreiung von der Sünde und seine Theosis (Vergöttlichung) innerhalb des wahren Leibes Christi, der
Orthodoxen Kirche.
c) Den
orthodoxen Gläubigen, welche sehen, wie ihre eigenen kirchlichen Hirten mit den
Heterodoxen zusammenarbeiten, wird der irrige Eindruck vermittelt, daß die
Heterodoxen trotz ihrer dogmatischen Unterschiede auch zur Kirche Christi
gehören würden.
Austausch von Besuchen
In den letzten wenigen Jahren ist
für die verschiedenen Konfessionen die ökumenistische Politik aufgekommen,
offizielle Besuche auszutauschen, und diese Besuche von hochrangigen Klerikern
durchführen zu lassen. Sie schließen oft Grußansprachen, Küsse, Austausch von
Geschenken, gemeinsame Essen, gemeinsames Gebet, gemeinsame Erklärungen und
andere freundschaftliche Gesten ein.
Insbesondere
ist von 1969 an die wechselseitige Teilnahme der Orthodoxen und
Römsisch-Katholischen an den jährlichen Thronfesten in Rom und Konstantinopel
zur Regel geworden. Diese Zusammenkünfte können leider nicht mehr als bloße
formelle oder zeremonielle Gesten gewertet werden. Die Ökumenisten selbst
bekennen, daß bei diesen gemeinsamen Zelebrationen und ihrer gegenseitigen
Anerkennung eine gewisse Art von ekklesiastischer Kommunion erfahren wird.
Unsere
gläubige Herde jedoch erfährt eine unerfreuliche Überraschung, wenn sie diese
Besuche in den Medien sieht. Sie ist entrüstet, verbittert, schockiert und
verwirrt und ist Zweifeln und Infragestellungen überlassen, wenn sie ihre
Hirten sprechen hört - einerseits mit ganz orthodoxer Zunge, den Heiligen
Vätern gemäß, und sie andererseits sieht, wie sie sich unter den Heterodoxen
mit dem Gehabe von Diplomaten bewegen.
Die interreligiöse Evolution des Ökumenismus
Schon recht früh kam es in der
Ökumenischen Bewegung zu einer tiefen Krise in bezug auf die Bestimmung der
Richtung. Infolge dieser Krise war sie anfänglich gezwungen, sich den
soziokulturellen Problemen der Menschen zuzuwenden, wobei sie die Theologie als
Weg zur Einheit verwarf, später jedoch, indem sie sich den nichtchristlichen
Religionen öffnete. In der Ökumenischen Bewegung ist allgemein akzeptiert, daß
alle Religionen zusammen mit dem Christentum verschiedene Wege zum Heil
darstellen und daß der Heilige Geist auch in jenen aktiv und wirksam ist. Ihr
Slogan ist das „New Age"-Axiom: „Glaube, was du willst, nur beanspruche keine
Exklusivität über die Wahrheit und den Weg zum Heil."
Von daher
werden interreligiöse Treffen einberufen, die nicht nur wissenschaftliche
Konferenzen darstellen, wie ihre Organisatoren behaupten, sondern
Zusammenkünfte, die ihre Einheit im Glauben an den einen Gott als Grundlage bekunden.
Aus diesem Grund führen sie oft gemeinsame Gebetsveranstaltungen durch, in
denen Orthodoxe, Heterodoxe und Nichtchristen zusammen beten. Der Dreieine Gott
der Orthodoxen, der wahre und Sich Selbst offenbarende Gott, ist jedoch nicht
derselbe „Gott" der Heterodoxen und der anderen Religionen; nicht irgendein
vorgestellter „Gott" also, der geschaffen und bewahrt wurde durch das religiöse
Bedürfnis des gefallenen Menschen.
Leider
wird diese interreligiöse Vorgehensweise auch von orthodoxen ökumenistischen
Hierarchen geteilt, die Meinungen wie die folgenden zum Ausdruck bringen:
„Die
ökumenische Bewegung muß jetzt, obwohl sie einen christlichen Anfang hatte,
eine Bewegung aller Religionen werden... Alle Religionen dienen Gott und dem
Menschen. Es gibt nur einen Gott..."[7]
Tief unten
streben sowohl die Kirche als auch die Moschee nach demselben geistigen
Würdigwerden des Menschen."[8]
„Der Islam
spricht im Koran über Christus, über die Panagia, und wir sollten ebenfalls mit
demselben Mut und derselben Kühnheit sprechen. Wir sollten auf seine Geschichte
blicken und sehen, was er anzubieten hat; auf seine Predigt des einen Gottes
und das Leben seiner Anhänger, die Anhänger des einen Gottes sind..."[9]
„Römische
Katholiken und Orthodoxe, Protestanten und Juden, Muslime und Hindus,
Buddhisten und Konfuzianer - nun ist die Zeit gekommen, daß wir alle zusammen
die spirituellen Prinzipien des Ökumenismus voranbringen... Wir sind alle im
Geist des einen Gottes vereint."[10]
Das
Hauptziel der interreligiösen Treffen ist die Schaffung von Kontaktstellen zwischen den Religionen,
so daß ein vereinter Widerstand gegenüber sozialen und internationalen
Problemen leichter verwirklicht werden kann. Dieses Ziel wird zuweilen von
mächtigen Weltführern genutzt, die die Hilfe der Religionen zu gewinnen
versuchen, um ihre ungesetzlichen Eigeninteressen voranzutreiben. Dies trat
klar in Erscheinung nach dem 11. September 2001, als eine Reihe von
interreligiösen Versammlung „auf Kommando" durchgeführt wurden.
Auf diese
Weise wird jedoch unsere Kirche, statt Instanz zur Prüfung und Verurteilung der
Gesetzlosigkeit zu sein, deren Unterstützer und Bewahrer. Unsere Kirche wird
eingeschlossen in die erdgebundenen Ansichten verschiedener Religionen und auf
das Niveau einer weltlichen Religion mit einem utilitaristischen und
zweckmäßigen Charakter erniedrigt. Zugleich ist sie gezwungen, ihren
apostolisch-missionarischen Auftrag zu mißachten, da ihre offiziellen
Repräsentanten die Aussage akzeptieren, daß alle Religionen „von Gott gewollte
Wege zum Heil" seien![11]
Gewisse
orthodoxe Ökumenisten jedoch erreichen den Punkt, über Frieden, über
Gerechtigkeit, über Freiheit und andere par excellence spirituelle Qualitäten
auf eine kalte, unpersönliche, weltliche Weise zu sprechen. Sie vernachlässigen
es zu erwähnen, daß diese spirituellen Qualitäten Früchte des Heiligen Geistes
sind, göttliche Gaben, die jenen zuteil werden, die sich im spirituellen Kampf
„in Christus Jesus" mühen, nicht bei interreligiösen Versammlungen.
Es sollte
jedoch betont werden, daß die Orthodoxie keine Religion ist, nicht einmal die
Beste aller Religionen. Sie ist die Kirche: die Selbstoffenbarung und
Manifestation Gottes in der Geschichte. Die Orthodoxie ist sich ihrer
Ökumenizität (Universalität) und der Wahrheit über Christus bewußt, die sie
besitzt, und deshalb hat sie keine Angst hinsichtlich ihrer Beziehung zu den
Nichtchristen. Sie kennt jedoch die Grenzen dieser Beziehungen, wie sie von der
heiligväterlichen Tradition und von ihrer eigenen mysteriologischen Erfahrung festgelegt wurden. Zum Beispiel führte
der hl. Gregor Palamas unter den grausamen Bedingungen der Gefangenschaft
Debatten mit den osmanischen Türken. Er zögerte jedoch nicht - auch unter dem
Risiko, sein eigenes Leben zu verlieren -, die Wahrheit zu sagen und ihre Täuschung
und ihren Irrglauben zu entlarven. Überdies, wie traten die heiligen Märtyrern
den Götzenanbetern gegenüber auf und die Neumärtyrer gegenüber den Moslems?
Haben sie nicht die Wahrheit bekannt? Können wir uns vorstellen, daß sie
zusammen mit ihnen beteten? Wäre das der Fall, hätten wir keine Märtyrer!
Daher
lehnt es unsere Kirche ab, ihre Einzigartigkeit auf dem Altar der
Zweckmäßigkeit zu opfern und den ökumenischen Slogan zu akzeptieren, daß „in
allen Religionen unter verschiedenen Namen derselbe Gott angebetet" wird. Die
Orthodoxe Kirche glaubt fest, daß der Mensch durch Christus gerettet wird gemäß
dem apostolischen Diktum: Und in keinem
anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name
unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen (Apg 4,12).
Was, schließlich, ist Ökumenismus?
Nach den aufeinanderfolgenden
Entwicklungen und der allmählichen Entfernung der Ökumenischen Bewegung von
ihren ursprünglichen Zielen fragen sich die orthodoxen Gläubigen zu Recht: Ist
es nicht klar zu sehen, daß das Ziel des Ökumenismus nicht nur die Vereinigung
der Christen ist, sondern die Durchsetzung einer synkretistischen, weltweiten
Religion[12], die Gleichmachung von
allem und die Umwandlung der Kirche Christi in einen „Club religiöser Leute",
in eine weltliche Organisation wie die Vereinten Nationen, sinnentleert und
entspiritualisiert?
Wie aber
sieht unsere traditionelle Orthodoxie den Ökumenismus?
„Natürlich
ist der Ökumenismus - in der Bedeutung, wie das Wort vorherrschend verwendet
wird - eine Häresie, denn er bedeutet die Zurückweisung der grundlegenden
Prinzipien des orthodoxen Glaubens, wie beispielsweise die Annahme der
sogenannten Zweig-Theorie, daß jede Kirche einen Teil der Wahrheit besitzt und
alle Kirchen sich vereinigen und die Stücke der Wahrheit auf den Altar legen
sollen, um ein Ganzes zu formen. Wir glauben, daß die Orthodoxie die Eine,
Heilige, Katholische und Orthodoxe Kirche ist. So ist es. Das ist nicht
verhandelbar; und folglich, wer auch immer das Gegenteil bekundet, kann als
Ökumenist bezeichnet werden und daher als Häretiker." (Christodoulos,
Erzbischof von Athen, Interview im
Kirchenradio, 24.05.1998)
„Ökumenismus
ist die kollektive Bezeichnung für das Pseudo-Christentum der Pseudo-Kirchen
Westeuropas... All diese Pseudo-Christentümer, all diese Pseudo-Kirchen sind
nichts anderes als eine Häresie nach der anderen. Ihr kollektiver Name, vom
Evangelium her gesehen, ist ‘Panhäresie‘. Warum? Im Laufe der Geschichte
leugneten oder verzerrten verschiedene Häresien bestimmte Aspekte des
Gottmenschen, des Herrn Christus, doch diese europäischen Häresien schaffen den
Gottmenschen zur Gänze beiseite und stellen den europäischen Menschen an Seinen
Platz." (Archimandrit Justin Popović)
„Ökumenismus
ist nicht eine Häresie oder Panhäresie, wie er normalerweise genannt wird. Er
ist etwas viel schlimmeres als eine Panhäresie. Die Häresien waren offenkundige
Feinde der Kirche. Die Kirche konnte sie daher bekämpfen und besiegen. Der
Ökumenismus jedoch ist gleichgültig gegenüber dem Glauben der Kirche und den
dogmatischen Unterschieden zwischen den Kirchen. Er ist die Überschreitung, die
Entschuldigung, das Übersehen, wenn nicht die Legitimierung und Rechtfertigung
der Häresie. Er ist ein hinterhältiger, heimtückischer Feind - und genau darin
liegt die tödliche Gefahr." (Professor Andreas Theodorou)
Reaktionen auf die Ökumenische Bewegung
In der heutigen orthodoxen Welt
vermehren sich ständig die Reaktionen gegen den Ökumenismus und jene, die ihn
repräsentieren. Viele Bücher, Artikel und Kritiken werden ans Licht der
Öffentlichkeit, in denen unter großem Schmerz und großer Qual die Ansicht zum
Ausdruck gebracht wird, daß wir „nach Plan" in eine Babylonische Gefangenschaft
der Orthodoxie innerhalb dieser Häresie der vielen Gesichter und vielen Namen
hinein marschieren.
Es gibt
einige ausgezeichnete orthodoxe Kleriker und Theologen, die den sofortigen
Rückzug der Orthodoxie aus der Ökumenischen Bewegung und ihren Konferenzen
vorschlagen, denn sie glauben, daß die orthodoxe Teilnahme daran nicht nur
fruchtlos ist, sondern auf vielerlei Weise sogar schädlich.
Einige
Kirchen haben sich schon aus dem Weltkirchenrat zurückgezogen, während andere
dazu gezwungen sind, lange und intensiv über ihre eigene Teilnahme
nachzudenken. Dieser Kummer und dieses Unbehagen kamen auch auf dem
Interorthodoxen Treffen in Thessaloniki im Jahr 1998 zum Ausdruck, als unter
anderem festgestellt wurde, daß „nach einem ganzen Jahrhundert der orthodoxen
Teilnahme an der Ökumenischen Bewegung und einem halben Jahrhundert Anwesenheit
im Weltkirchenrat..., die Kluft zwischen den Orthodoxen und den Protestanten noch
tiefer geworden ist.
Die Teilnahme der Gläubigen an der Ökumenischen
Bewegung
Wir wissen, daß die Gläubigen und
frommen Menschen Gottes das Kriterium für die Orthodoxie bleiben. Keiner -
weder Patriarchen noch Synoden - kann das Gewissen der Gläubigen umgehen oder
zum Schweigen bringen. Aus diesem Grund „sollte es keinen Dialog geben oder
irgendeine Entscheidung gefällt werden, wenn das wache Gewissen der Kirche
(gnadenerfüllte Kleriker, Laien, Menschen aus dem Mönchstand) nicht damit
einverstanden ist" (Metropolit Ierotheos [Vlachos] von Nafpaktos).
Die
ökumenistischen Dialoge, wie sie praktiziert werden, werden innerhalb der
Kreise der akademischen Theologie und durch andere kirchliche oder
nichtinstitutionelle Organisationen unterstützt und aufrechterhalten, die
danach trachten, gewisse Vorteile in politischer, finanzieller, internationaler
und öffentlicher Hinsicht zu erlangen. Sie entspringen nicht aus einem
Bedürfnis des kirchlichen Leibs, sondern sie werden von „außen" und „oben"
auferlegt. Diese Tatsache beleuchtet ein ungesundes Phänomen: die Autonomie der
administrativen Institutionen der Orthodoxen Kirche heutzutage. Die kirchliche
Administration ist, mit anderen Worten, abgetrennt von theologischer
Erörterung, aber auch von den Ansichten, den Sorgen und der Erfahrung des
kirchlichen pleroma.
Daher ist
es so, daß das Volk Gottes nicht aktiv an diesen Dialogen teilnimmt, noch
darüber objektiv und verantwortungsvoll informiert wird. Außerdem tragen die
Entscheidungen, die während dieser Dialoge gefällt werden, nicht immer das
Siegel der authentischen Konziliarität; sie sind nicht genuin synodisch,
sondern sie werden gewöhnlich von einigen besonderen „Professionellen" des
Ökumenismus getroffen. Ein orthodoxer Hierarch hat bezeichnenderweise bekannt:
„Die orthodoxen Gläubigen wissen nichts über die Ökumenische Bewegung... doch
kann die Ökumenische Bewegung vielleicht froh darüber sein, das das orthodoxe Volk
nichts weiß über das, was in Genf vorgeht!"[13]
Unsere Pflicht
Wir leben zweifellos in einer
Periode kosmischer Veränderungen. Geschehnisse, anscheinend gelenkt, rasen
voran in wahnsinnigem Tempo. Der Ökumenismus entfaltet sich in dem
zerstörerischen, einebnenden Standpunkt des Globalismus, der von mächtigen
ökonomisch-politischen Organisationen vorangetrieben wird. Keiner nimmt die
Ansicht mehr ernst, der Ökumenismus könne eine sichtbare und verläßliche Lösung
für das Problem der christlichen Einheit liefern.
Als
orthodoxe Christen sollten wir uns weder in unseren Elfenbeinturm zurückziehen,
noch unsere Wachsamkeit sinken lassen. Wenn wir wirklich das Leben der Menschen
wertschätzen und achten, wenn wir wirklich Schmerz im Herzen empfinden für die
Menschen der westlichen Welt, die gequält sind durch die Sackgasse ihrer
religiösen Traditionen, wie auch für jene in der östlichen Welt, die in
dämonischen Täuschungen gefangen sind, haben wir die Verpflichtung, unserer
Heiligen Kirche gegenüber treu zu bleiben. Wir müssen den traditionellen
Glauben unserer Väter rein und unverändert bewahren und ihn authentisch
innerhalb unseres täglichen Kampfes um unsere eigene Heiligung und theosis leben. Der rechte Glaube und ein
strenges und präzises Leben wird uns fähig machen, die Orthodoxie zu bezeugen,
sogar bis zum - und warum nicht? - Martyrium, falls und wenn es die Zeiten
erfordern.
An der
Orthodoxie festzuhalten, das heißt, an der Echtheit des Lebens, und die
Wahrheit zu bewahren, welche befreit und rettet, ist nicht Egoismus, Fanatismus
oder Intoleranz. Es bringt eher die ökumenische (universelle) Dimension, die
Liebe und Menschenliebe der Orthodoxen Kirche zum Ausdruck. Es bildet die
letzte Möglichkeit für eine radikale spirituelle Veränderung im Westen, doch auch
für den Osten, aus der Gefangenschaft durch ihre falschen Götter zu
entkommen.
* Vortrag, gehalten auf der Panorthodoxen
Konferenz „Ökumenismus" im Jahr 2004 in Thessaloniki http://uncutmountain.com/uncut/docs/hmparaklete_ecumenism.pdf
Deutsche Übersetzung in „Der
Schmale Pfad" Band 30, Apelern (Deutschland), Dezember 2009. Übersetzt vom
Herausgeber der Reihe, Johannes A. Wolf.
[1]
Katholisch:
dem Ganzen gemäß, allumfassend; „ökumenisch": von gr. oikuméni: die
bewohnte Erde, der Erdkreis, die Menschheit. Gemeint ist, daß die Orthodoxe
Kirche die gesamte, vollständige Heilslehre besitzt, die für den ganzen
Erdkreis, die ganze Menschheit bestimmt ist. (Anm. Übers.)
[2]
Journal
The Illuminator, Sommer 1995,
Pittsburgh USA. (Alle Anm. vom Verf.)
[3]
Zeitschrift
Επίσκεψης, Nr. 370, S. 9, Genf 1987.
[4]
Zeitschrift
Επίσκεψης, Nr. 260, S. 13-14, Genf
1981.
[5]
Athener
Zeitung Εστία, 5-10-1967.
[6]
Die
Unia ist ein religiös-politisches
Vorhaben, das vom Papsttum zur Verwestlichung der Christen des Ostens erfunden
wurde. Es nutzte die schwierigen historischen Umstände aus, mit denen diese
Christen konfrontiert waren, und zwang sie, sich der päpstlichen Autorität zu
unterwerfen. Sie wurden jedoch dazu ermutigt, nicht ihre kirchlichen Gebräuche
zu verändern (klerikale Kleidung, liturgisches Typikon usw.), um durch diese
Verdunkelung zu verhüllen und die papistische Propaganda zu fördern.
[7]
Athener
Zeitschrift „Die Orthodoxe Presse", August-September 1969.
[8]
Zeitschrift
Επίσκεψης, Nr. 494, S. 23, Genf 1993.
[9]
Zeitschrift
Πανταινος, Nr. 1/1991, S. 59, Alexandria, Ägypten.
[10]
Zeitschrift
Επίσκεψης, Nr. 511, S. 28, Genf 1994.
[11]
Zeitschrift
Επίσκεψης, Nr. 523, S. 12, Genf 1995.
[12]
Wie
von Priestermönch Seraphim Rose in „Orthodoxy and the Religion of the Future"
bereits vor 35 Jahren klar erkannt und beschrieben wurde, siehe: Der Schmale Pfad, Bd. 16, Juni 2006. (Anm. Übers.)
[13]
Zeitschrift
„Ekklesia" Nr. 13, S. 500a, Athen 1994.